Häufig

Diese Schlagzeile war wohl zu gut, um sie sich von Tatsachen kaputt machen zu lassen: »Straßenbahn-Unfälle mit Verletzten in Leipzig nehmen zu – Statistik: LVB-Fahrer häufig Schuld,« titelt die Leipziger Volkszeitung. Das kommt gewiss gut an bei der Zielgruppe, unterstellt der Leipziger seiner »Bimmel« doch traditionell, sie fahre nach dem UKB-Prinzip– Umfahren, Klingeln, Bremsen.

Im Text wird aus dem häufig erst einmal ein nichtssagendes regelmäßig. Mehr als dies geben die Daten einige Absätze weiter unten auch nicht her. Von 366 Unfällen mit Straßenbahnen verursachten deren Fahrer und Technik im vergangenen Jahr 44, das sind gerade mal 12% oder ungefär jeder achte Unfall. Die Statistik sagt das genaue Gegenteil der Schlagzeile: Die Straßenbahnfahrer sind selten schuld.

Komplette Durchleuchtung?

Der klassische Datenschutz europäischer und insbesondere deutscher Prägung geht von einem Vorurteil aus: Das Speichern und Verarbeiten personenbezogener Daten sei gefährlich und die Gefahr wachse proportional mit der Datenmenge pro Person. Folgerichtig bleiben diese gefährlichen Handlungen verboten, solange sie nicht eine Einwilligung des Betroffenen oder ein Gesetz erlaubt.

Max Schrems, Initiator von Europe vs. Facebook und derjenige, der von Facebook Auskunft über seine dort gespeicherten Daten erstritt, hat ein Buch geschrieben, Kämpf um deine Daten. Die zugehörige Rezension der FAZ illustriert die Datenschutz-Prämisse und wie sie unsere Wahrnehmung beeinflusst:

»Ein anderer Slogan der Digitalwirtschaft lautet: „Wir machen doch alles nur, um die Werbung auf den Nutzer zuzuschneiden.“ Dem hält Schrems entgegen, dass personalisierte Werbung längst nicht so effektiv ist, wie alle tun. Werbetreibende erzählten das hinter vorgehaltener Hand. Die komplette Durchleuchtung des Nutzers geschehe im Grunde bloß für ein paar lausige Klicks mehr, resümiert Schrems. Nur wegen Cent-Beträgen wird unser Grundrecht auf Datenschutz aufgelöst.«

Die komplette Durchleuchtung aus nichtigem Anlass, anders kann man es kaum sehen, wenn man die Grundannahme des Datenschutzes akzeptiert. Tut man dies nicht, so bietet sich eine alternative Interpretation an: Was die Datenkraken über uns wissen und vorhersagen können, genügt gerade mal, um die Werbeklickraten ein wenig zu erhöhen. Von Algorithmen, die uns besser kennen als wir selbst, kann keine Rede sein. Personalisierte Werbung ist weit davon entfernt, uns genau das vorzulegen, was wir sicher anklicken werden. Darüber liefert der Einzelne nämlich viel zu wenig Informationen. “Personalisierte” Werbung ist in Wirklichkeit statistisch optimierte Werbung, der die Zielgruppensegmentierung und -zuordnung ein wenig besser gelingt als den extrem groben klassischen Mechanismen. Mit herkömmlichen Methoden bekomme ich Autowerbung, wenn ich eine Autozeitschrift lese und Nerdwerbung auf Slashdot. Moderne Verfahren nutzen vielfältigere Merkmale und finden die optimale Auswahlstrategie zum Teil selbst.

Viel mehr als eine etwas genauere Zielgruppensegmentierung steckt nicht hinter der personalisierten Werbung, und die meisten Anzeigen werden nach wie vor ignoriert. Statt von der kompletten Durchleuchtung für ein paar Cent sollte man besser von Optimierungen am Rande der Aufmerksamkeit sprechen. Ist das gefährlich, schädlich, manipulativ? Eher nicht, jedenfalls nicht mehr als Werbung an sich schon ist. Lebe ich besser, wenn ich sorgfältig jede Datenspur vermeide? Nicht messbar. Diese pragmatische, risikoorientierte Sicht ist dem klassischen Datenschutz fremd.

P.S. (2014-06-14): Kristian Köhntopp erklärt passend dazu, warum verschiedene Formen der Durchleuchtung unterschiedlich nützlich sind.

Kosten und Nutzen

“Jede Sicherheitsmaßnahme lässt sich umgehen.” – Jochim Selzer argumentiert auf G+, dies sei keine gute Begründung für den  Verzicht auf Sicherheitsmaßnahmen. Damit hat er Recht, aber dies ist umgekehrt keine ausreichende Begründung für beliebige Sicherheitsmaßnahmen. Seiner Betrachtung fehlt ein Faktor: das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Mehr Sicherheit oder auch überhaupt Sicherheit wird zum Verlustgeschäft, wenn dem Aufwand keine adäquate Risikoreduktion gegenübersteht. Das klingt trivial, macht die Sache in Wirklichkeit jedoch ziemlich kompliziert.

Die Kosten einer Sicherheitsmaßnahme sind nicht nur die Anschaffungs-, sondern auch die Betriebskosten. Nicht alle Kosten manifestieren sich in finanziellen Transaktionen, sondern zum Beispiel in Zeit- und Arbeitsaufwand. Auch sehr kleine Aufwände können zu erheblichen Kosten führen, wenn sie in Alltagssituationen immer wieder anfallen. Auch das Ändern von Gewohnheiten ist teuer. Ein häufig verwendetes Passwort zu ändern, kostet mich zum Beispiel jedesmal einige Tage voller Fehlversuche mit dem alten Passwort, bis ich mich an die Änderung gewöhnt habe — und eine andere Empfehlung legt mir nahe, meinen Rechner beim Verlassen immer zu sperren.

Der Nutzen einer Sicherheitsmaßnahme ergibt sich nicht aus ihrer lokal messbaren Wirkung, sondern aus ihrem Einfluss auf das gesamte Risikoprofil. Sicherheitsmaßnahmen können irrelevant sein, wenn das Risiko – bezogen auf die Konsequenzen – insgesamt sehr klein ist und von anderen Risiken dominiert wird. Wenn ich zum Beispiel ein Smartphone oder einen Laptop mit mir herumtrage und darauf keine ungewöhnlich wertvollen Daten gespeichert sind, dann liegt das dominante Risiko im Verlust der Hardware. Ob ich meine Daten verschlüsselt habe oder nicht, ist dann relativ belanglos. Ebenso brauche ich mich als Individuum, zumal im Mitteleuropa der Gegenwart, nicht vor der NSA zu fürchten, wenn ich bedenkenlos auf Haushaltsleitern steige und am Straßenverkehr teilnehme. Ich werde höchstwahrscheinlich an einem Unfall, an einer Krankheit oder an Altersschwäche sterben und nicht an einem Drohnenangriff wegen eines algorithmisch hergeleiteten Terrorverdachts.

Hinzu kommt, dass Sicherheitsmaßnahmen nicht notwendig Risiken verringern, sondern sie oft nur verlagern oder transformieren. Einbrecher durchwühlen die unverschlossene Gartenlaube und nehmen tragbare Wertsachen sowie Alkoholvorräte mit. Einbrecher durchwühlen die verschlossene Gartenlaube und nehmen tragbare Wertachen und Alkoholvorräte mit, nachdem sie die Tür oder das Fenster demoliert haben. Was habe ich nun vom guten Schloss? Die Einbrecher müssen ein Brecheisen mitbringen und werden vielleicht (aber unwahrscheinlich) gehört – und ich habe höhere Kosten pro Vorfall, selbst wenn nichts gestohlen wird. Ich fahre besser, wenn ich die Tür offen lasse und kein potenzielles Diebesgut lagere.  Das Problem der Risikoverlagerung und -transformation ist typisch für Security, wo wir es mit adaptiven Angreiferkollektiven zu tun haben. In geringerem Maße kann es aber auch bei Safety-Maßnahmen auftreten, wenn diese Maßnahmen unerwünschte Nebenwirkungen haben und man also eine Risikoausprägung gegen eine andere eintauscht. Im Klettergerüst getragen kann ein Fahrradhelm Kinder strangulieren.

Ökonomisch betrachtet sind deswegen viele Sicherheitsratschläge für die Katz. Kosten und Nutzen haben außerdem eine subjektive Komponente. Ökonomische Rationalität beschreibt ein (angenommenes) Optimierungsverhalten unter Berücksichtigung persönlicher Präferenzen. Jeder ist frei darin festzulegen, wie viel ihm ein bestimmter, quantifizierter Nutzen im Vergleich zu anderen Angeboten mit denselben Kosten wert ist oder wie sehr ihn eine bestimmte Unannehmlichkeit im Vergleich zu einer anderen belastet. Auch ein Selbstmörder, der sich vor seiner Rettung schützt, kann ökonomisch rational handeln, wenn ihm sein eigener Tod nur wichtiger ist als alles andere. In diesem Sinne ist nichts daran auszusetzen, dass sich jemand etwa gegen den Sicherheitsgurt, gegen den Fahrradhelm, gegen ein kompliziertes Password oder gegen die E-Mail-Verschlüsselung entscheidet. Präskriptive Overrides sind nur dort angebracht, wo aus solchen Präferenzen erhebliche gesellschaftliche Probleme resultieren.

Erfolgsgeschichte Sicherheitsgurt?

In Diskussionen über den Sinn und Unsinn von Styroporhauben für Radfahrer taucht regelmäßig der Hinweis auf, so ähnliche Debatten haben man damals zur Gurtpflicht im Auto auch geführt. Der Hinweis kommt von Befürwortern der Styroporhaube; aus ihm spricht neben der Hoffnung auf den Debattenendsieg die Annahme, SIcherheitsgurte seien eine Erfolgsgeschichte und hätten unzählige Leben gerettet. Diese Annahme ist vielleicht gar nicht so selbstverständlich, wie sie wirkt. In The Failure of Seat Belt Legislation (via) argumentiert John Adams, dass eine signifikante Wirkung der Gurtpflicht gar nicht auf der Hand liege. Wie haltbar seine Argumentation ist, kann ich noch nicht sagen; ich habe den Text nur überflogen

Quiz

Die Götter der Cybersicherheit zeigen sich zorning. Was tun Sie, um die Götter zu besänftigen?

  1. Ich opfere zwei Accounts und eine App.
  2. Ich twittere meine Sünden und bete ein Internet-Mem.
  3. Ich vollführe wie jede Woche das Passwortritual, natürlich mit Ziffern und Sonderzeichen.

Unter allen Teilnehmern verlose ich Sicherheitshinweise, Expertentipps und Zufallszahlen.

2. CAST-Seminar »Sichere Software entwickeln« am 15. Mai 2014

Unser CAST-Seminar »Sichere Software entwickeln – Erfahrungen, Methoden, Werkzeuge« geht in die zweite Runde. Am 15. Mai 2014 laden wir zum Erfahrungsaustausch ins Darmstadtium ein. Vorträge von Praktikern und aus der angewandten Forschung beleuchten das Thema von allen Seiten. Unsere Themen in diesem Jahr:

  • Organisation der sicheren Softwareentwicklung in Großunternehmen
  • Security in schlanken und agilen Processen
  • Denial-of-Service-Schwachstellen in Anwendungen
  • Sicherheitsaspekte der Schnittstellenentwicklung
  • Bedrohungsmodellierung und Sicherheitsanforderungen in der Praxis
  • Skalierung von Methoden am Beispiel der Risikoanalyse

Anmeldung und Programm unter http://www.cast-forum.de/workshops/infos/190.

Denkverbote für Star-Trek-Computer?

Zwei Jahre nach Datenkrake Google ist aus den damals noch unscharfen Gedanken mit Unterstützung meiner Kolleginnen Annika Selzer, Andreas Poller und Mark Bedner ein Artikel geworden: Denkverbote für Star-Trek-Computer?, Datenschutz und Datensicherheit – DuD 38(1), Januar 2014, DOI: 10.1007/s11623-014-0008-x. Abgeschlossen ist das Thema damit nicht, die Diskussion geht gerade erst richtig los.

Vor 30 Jahren definierte das Bundesverfassungsgericht im Volkszählungsurteil das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und erklärte es zu einer Voraussetzung für Freiheit und Gemeinwohl. Die elektronische Datenverarbeitung (EDV), so nannte man die Informationstechnik damals, steckte noch tief im Manufakturzeitalter. Datenbanken ersetzten gerade die Karteischränke, das beschriebene und sortierte Papier. Wissenschaftler begannen, über künstliche Intelligenz nachzudenken, aber das war eine Zukunftsvision; der Spielfilm Computer Chess fängt die Stimmung jener Zeit ein.

Einerseits zeugt das Volkszählungsurteil von Weitsicht. Aus der Datenmanufaktur ist eine Datenindustrie geworden. Computer spielen heute nicht nur Schach auf Weltmeisterniveau, sie gewinnen auch im Fernsehquiz Jeopardy! Amazon, Netflix, Last.fm und viele andere Dienste empfehlen uns, was unserem Geschmack entspricht, und liegen damit häufig genug richtig um uns erfolgreich etwas zu verkaufen. Google ermittelt aus Suchanfragen die Ausbreitung von Grippewellen, wenn auch nicht ganz genau. Das Thema Datensammlung und Datenverarbeitung grundsätzlich anzugehen erweist sich im Nachhinein als richtig.

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Tapetenwechsel

Ich habe diesem Blog ein neues Theme spendiert:

Screenshot - Erich sieht - Theme: Twenty ThirteenDie Überschriften finde ich etwas zu groß, ansonsten gefällt es mir ganz gut. Alle Inhalte sollten in etwa dort zu finden sein, wo sie es früher auch waren. Wer trotzdem meckern möchte, kann das nach wie vor unter jedem Eintrag tun.

7 Tätigkeiten, die 2012 gefährlicher waren als das Radfahren

Sven Türpe:

Jetzt probieren wir mal die Reblog-Funktion von wordpress.com aus. PresseRad erinnert uns daran, dass die meisten Menschen bei etwas anderem als beim Radfahren sterben. Nahezu alle, um genau zu sein: Wenn jemand gestorben ist, kann man daraus mit hoher Sicherheit schließen, dass er auf dem Weg ins Jenseits keinen Fahrradunfall hatte. (Note to self: Gelegentlich mal nachrechnen.)

Originally posted on PresseRad:

Im Jahre 2012 starben in Deutschland laut Statistischem Bundesamt exakt 412 Radfahrer. Jeder dieser getöteten Radfahrer war sicherlich einer zu viel, hinter jedem einzelnen Fall verbirgt sich ein trauriges Schicksal.

Aber was bedeutet diese Zahl “412” eigentlich. Sind diese 412 nun viel oder wenig, ist Radfahren nun wirklich so gefährlich, wie es oftmals dargestellt wird? Um das mal ein wenig einordnen zu können, hier ein Vergleich mit anderen “Beschäftigungen” im weitesten Sinne:

  1. 417 Menschen starben durch Ertrinken und Untergehen
  2. 426 Personen sind infolge eines Arbeits-, Spiel- bzw. Schulunfalls gestorben
  3. 526 Menschen starben durch Einatmen oder Verschlucken von Nahrungsmitteln
  4. 572 Motorradfahrer starben im Verkehr
  5. 660 Menschen starben als Fußgänger
  6. 1.073 Menschen starben bei Stürzen auf Treppen
  7. 1.384 PKW-Fahrer kamen ums Leben

Insgesamt verstarben in Deutschland genau 869.582 Personen. Der Anteil der getöteten 412 Radfahrer liegt demnach bei 0,047%.

An “Unfällen, Suiziden und vorsätzlichen Handlungen” weist das Statistische Bundesamt übrigens 32.931 Personen…

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Aus der eID-Filterblase

Wie der Heise-Newsticker von der CeBIT berichtet, können Eltern die  Kindergartenplätze für ihren Nachwuchs jetzt auch mit dem neuen Personalausweis beantragen. Statt umständlich mit einem Stift Formulare auszufüllen, muss man nur noch eine App auf seinem NFC-fähigen Smartphone installieren, den Antrag ins Händi wischen und seinen Personalausweis daneben legen. Die Bewilligung wird zurück aufs Händi geschickt, das dann im Kindergarten vorzulegen ist. Wenn man Pech hat, gibt es Kindergartenplätze allerdings frühestens wieder im September und das Smartphone wird bis dahin geklaut.

Goldig ist auch die Idee der BürgerDVD aus derselben Heise-Meldung. Um meinen sicheren Identitätsnachweis im Internet nutzen zu können, beende ich gerne alle laufenden Programme, starte mein System neu und verwende ein ungewohntes Betriebssystem, das nicht mal meine Browser-Bookmarks kennt. Das kostet mich höchstens eine Viertelstunde.

Neues von den Passwort-Kollegen

Hab ja seit langem die App von den Kollegen installiert, aber anfangs lieber noch die alte Passwort-Sitter-Lösung genutzt. Seit ich aber auf dem Tablet unterwegs bin, finde ich die kleine App viel praktischer und da ich vor allem mit dem Tablet surfe, vermisse ich die PC-Variante nicht. Jetzt gibt es eine neue Version des MobileSitters, die seit kurzem für 5,49 im Google Play Store zu haben ist. Jetzt kann ich Sie auch meinem Sohn empfehlen, der seit kurzem ein Android-Tablet hat. Und wer weiß, vielleicht ziehe ich ja demnächst auch auf ein Android-Gerät um. Kurz: Kleine feine App mit dem gewissen Etwas. Gutes Produkt – kaufen!