Grenzwertig
Kein vertretbares Risiko ohne Grenzwert, denn selbst Kirchenglocken dürfen nicht so läuten, wie sie möchten. Aber was taugen die magischen Zahlen wirklich, schließlich wimmelt es ja derzeit nur so von Mykrogrammgefahren? Schafften es Zeitschriften wie Ökotest früher nur alle Jubeljahre mal mit Fundstücken aus der Nahrungskette in die Agenturmeldungen, treiben die Jungs von Foodwatch heute jede Woche ein neues Schwellenschwein durch die Gazetten und veranstalten auch gerne mal ganze Kampagnen, die nur der Schaffung eines neuen Grenzwertes dienen. Wer sich klar macht, wie Grenzwerte für Nahrungsmittel entstehen, wird jedoch schnell einsehen, dass die vermeintlich verlässlichen Zahlen nur äußerst begrenzte Aussagekraft haben.
Nicole Heißmann vom Stern hat das Zustandekommen der Grenzwerte für Nahrungsmittel mal anlässlich der Zimtsterne im Quarterly der Wissenschaftspressekonferenz schön dargestellt. Hier die Kurzfassung: In Tierversuchen bestimmen Wissenschaftler, welche Menge eines Stoffes erkennbare Schäden hervorruft (LOAEL = Lowest Observed Adverse Effect Level). Die höchste Dosis, bei der in Kurzzeitversuchen keine Nebenwirkungen auftreten, teilt man dann vorsichtshalber durch hundert, um die Akute Referenzdosis zu entwickeln. Sie soll ausdrücken, wieviel ein Mensch pro Kilogramm Körpergewicht gefahrlos von der Substanz täglich zu sich nehmen kann. Werte aus Langzeitversuchen liefern entsprechen eine Ration des Stoffes, die man vermutlich gefahrlos ein Leben lang nehmen kann (Acceptable Daily Intake). Dann berücksichtigt man noch, wieviel ein Lebensmittel von diesem Stoff enthält und wieviel ein Mensch typischer Weise von diesem Lebensmittel ist.
Wer beim Faktor hundert schon ins Grübeln kam, dem wird spätestens jetzt klar, dass die typische Verzehrmenge ein Schätzwert ist, der mit Hilfe der Statistik erzeugt wird. Dass der Stoffwechsel der Menschen sich durchaus unterscheidet und das Zusammenwirken mit anderen Substanzen hierbei komplett ausgeklammert wird, sei der Vollständigkeit auch noch erwähnt. Wenn dann noch klar wird, dass am Ende der Versuchsreihen Politiker in Gremien und Kommissionen Einfluss auf die Festlegung der Grenzwerte haben, weiß man, dass entsprechende Lobbyisten sich gerne um diese Herren kümmern. Tja uns so wird aus strenger Wissenschaftsmathematik im Handumdrehen eine Milchmädchenrechnung mit Geschmäckle.
Derzeit werden übrigens wieder einige Grenzwerte auf europäischer Ebene “harmonisiert”. Konkret heißt das, die deutschen Grenzwerte werden raufgesetzt. Ob das jetzt ein unvertretbares Risiko bedeutet, muss jeder selbst entscheiden. Beim ganzen Gerede über die Grenzwerte in Nahrungsmitteln vermisse ich übrigens Berichte über Schäden und Geschädigte. Sachdienliche Hinweise hierzu bitte gerne an mich, andernfalls wünsche ich eine schöne Erdbeerzeit.
