Unterschätzte Risiken: Sonnenangst

July 3, 2008

Die Angst vor der Sonne. Sommerloch für Sommerloch dürfen sich die Praktikanten aller Medien an diesem dankbaren Thema austoben und die immer gleichen Versatzstücke wiederkäuen: Sonnenbrand, »aggressive« UV-Strahlung, Hautkrebs, Sonnenschutz. Der Tenor ist stets derselbe. Die Sonne sei böse, gefährlich, um jeden Preis zu meiden. Wer sich ihr dennoch auszusetzen habe, der müsse sich radikal schützen, sonst drohten Siechtum und Tod.

Mir geht dieses Theater schon länger auf den Keks. Es riecht zu deutlich nach einer zum Selbstläufer gewordenenmachten Werbekampagne für Kosmetikartikel, eine menschheitsgeschichtlich recht junge Erfindung. Wäre die Sonne tatsächlich so gefährlich, wie sie heute von überforderten Medien gemacht wird, wie konnten unsere Vorfahren dann unter dieser Sonne lange genug überleben, um uns als die Krone der Schöpfung hervorzubringen? Und wer kann eigentlich mit eigener Erfahrung die absurde Empfehlung belegen, man solle selbst unter der Kleidung noch Sonnencreme tragen, sofern es sich nicht um spezielle »Schutzkleidung« handele?

Gesunder Menschenverstand ist nicht notwendig das Gegenteil der Wissenschaft, das zeigt jetzt ein Artikel im Spektrum der Wissenschaft. Darin geht es um Vitamin D, das im Körper vielfältige positive Auswirkungen hat und das unsere Haut in großen Mengen bildet, wenn sie der Sonne ausgesetzt ist. Die Autoren kommen zu dem Schluss:

»In diesem Zusammenhang ist auch das gestiegene öffentliche Bewusstsein um die Risiken des Sonnenbadens problematisch. Moderne Sonnenschutzmittel verringern das in der Haut produzierte Vitamin D um mehr als 98 Prozent. Um den normalen Bedarf an dem Mikronährstoff zu decken, sollten Menschen mit heller oder bronzener Hautfarbe in Nordamerika oder Europa im Sommer täglich ein ungeschütztes Sonnenbad von 5 bis 15 Minuten zwischen 10.00 und 15.00 Uhr nehmen. Dabei kommt es höchstens zu einer leichten Rosafärbung der Haut.«

und weiter:

»Nach den bisherigen Forschungsergebnissen scheint eine Kampagne zur Aufklärung der Öffentlichkeit über den umfassenden physiologischen Nutzen von Vitamin D daher dringend geboten.«

Das ist eine Ohrfeige für die Panikmafia. Immerhin, nach und nach sickert das Wissen um den Nutzen der Sonne auch in die Sommerlochartikel. Wir dürfen hoffen.


Die Zeit über Risikowahrnehmung

June 24, 2008

Die Zeit beschäftigt sich mit der Risikowahrnehmung und der Rolle der Medien dabei:

»Unsere Risikowahrnehmung unterliegt starken Schwankungen. Waldsterben und Vogelgrippe sind out, jetzt reden alle über Klimawandel und die Gefahren der Ernährung. Eine Analyse des Wechselspiels zwischen Wissenschaft, Medien, Politik und unserem kollektiven Bauchgefühl (…)«

(Risikowahrnehmung: Zwischen Wissenschaft und Bauchgefühl)


Angstmarketing

June 17, 2008

Gestern in der NZZ:

Angstmarketing


Grenzwertig

May 15, 2008

Kein vertretbares Risiko ohne Grenzwert, denn selbst Kirchenglocken dürfen nicht so läuten, wie sie möchten. Aber was taugen die magischen Zahlen wirklich, schließlich wimmelt es ja derzeit nur so von Mykrogrammgefahren? Schafften es Zeitschriften wie Ökotest früher nur alle Jubeljahre mal mit Fundstücken aus der Nahrungskette in die Agenturmeldungen, treiben die Jungs von Foodwatch heute jede Woche ein neues Schwellenschwein durch die Gazetten und veranstalten auch gerne mal ganze Kampagnen, die nur der Schaffung eines neuen Grenzwertes dienen. Wer sich klar macht, wie Grenzwerte für Nahrungsmittel entstehen, wird jedoch schnell einsehen, dass die vermeintlich verlässlichen Zahlen nur äußerst begrenzte Aussagekraft haben. Read the rest of this entry »


Raubkopien? Christentum!

April 5, 2008

Das ist doch mal ein schöner Vergleich:

»Wenn man beispielsweise nur die wundersame Brotvermehrung in den Kontext der gesamten Getreide- und Bäckerindustrie stellt, kommen wir _exakt_ in den Bereich der sogenannten “Raubkopie”.«

Gefunden beim NetReaper. Leider habe ich von Religion so überhaupt keine Ahnung, sonst könnte ich das jetzt weiterspinnen. Wäre ein Kopierschutz dann der Leibhaftige oder nur Gotteslästerung? Klärt mich … äh, ich meine, sagt mir, was ihr denkt.


Für ein Morgen in Freiheit

March 10, 2008

Am Samstag haben wir wieder die Gelegenheit, für unsere Freiheit zu demonstrieren. Diesmal in Köln: Für ein Morgen in Freiheit, am 15. März ab 14 Uhr. Treffpunkt ist die Domplatte.


Tausendmal studiert, tausendmal doch nichts kapiert

March 9, 2008

[Dieser Eintrag sollte eigentlich ein weiterer Kommentar zur Helmdiskussion hinterm Mond werden. Wie mir erst hinterher auffiel, hat mich die gestrenge Hausherrin dort wegen ungebührlicher Rhetorik nun offenbar endgültig verbrannt und damit im Vorbeigehen gleich noch ihre selbstgestellte Frage beantwortet, ob Wissenschaft ein Glaubenssystem sei: ja natürlich, in der dort betriebenen Form schon, davon zeugt unter anderem der unbedingte Wille, die vermeintliche Gotteslästerung mit szenetypischen Mitteln zu bekämpfen. Q.e.d. Mit ein wenig Abstand geht ja vielleicht auch den anderen Beteiligten auf, dass diese Diskussion in vielem selbstbezüglich ist.]

Was ich bei Ihnen vermisse, Frau Carone, ist die Bereitschaft, Vermutungen, Erkenntnisse, Beobachtungen und anderes zu Schlussketten zu ordnen und diese dann insgesamt zu bewerten. Ihnen genügt es, dass Studien existieren und Sie verlassen sich darauf, dass die dann schon etwas bedeuten werden, und dass dieses Etwas auch Ihren Vermutungen entspricht. Ich versuche seit geraumer Zeit, mit Ihnen darüber zu diskutieren, ob das Tragen eines Styroporhutes beim Radfahren Ihre Chancen auf Weitergabe Ihrer Gene nennenswert erhöht. Sie sind es, die jede vernünftige Diskussion über die relevante Frage verweigert, sich statt dessen auf zweifelhaftes Stückwerk stützt und keinen Zweifel zulässt. Read the rest of this entry »


Der Helm zum Wetterbericht

March 1, 2008

Angelegentlich der laufenden Helmdiskussion in Verbindung mit Wettervorhersagen für dieses Wochenende fiel mir ein, dass ich ja selbst einen Helm besitze. Das ist er:

Bauhelm

Gekauft habe ich ihn, um bei einem nicht allzu ernst gemeinten Volkstriathlon nicht mit den Streckenposten diskutieren zu müssen. Wie wir inzwischen wissen, dauern Helmdiskussionen ja manchmal etwas länger, und ich bin so schon kein Spitzensportler. Die gewünschte Wirkung hat der Helm übrigens in 100% seiner bislang 2 Einsätze erzielt, mehr kann man wirklich nicht verlangen. Read the rest of this entry »


Aus dem Weltbild eines Fahrradhelmträgers

February 23, 2008

Das Schöne an Blogs ist, dass sie wie Reihenhaussiedlungen funktionieren. Jeder kann in seinem Vorgarten seine persönliche Form des Spießertums zelebrieren und die anderen für schlimme Spießer halten. Das tue ich jetzt auch. Die misslungene Helmdiskussion an anderer Stelle hatte ich bereits erwähnt, ihre Vorgeschichte nehme ich gleich noch mit dazu. Eigentlich gehört so etwas ignoriert, weil es sich um eine Glaubensfrage handelt. Da ich nun aber schon mal mitgemacht habe, lasse ich mir auch das Fazit nicht entgehen, denn das ist aufschlussreich. Ich fasse die Debatte mal aus Sicht der Gegenseite zusammen. Read the rest of this entry »


The Fear Factory

February 17, 2008

The Rolling Stone has an article on homegrown terrorism in the U.S., grown by task forces that are supposed to fight terrorism:

»The FBI now has more than 100 task forces devoted exclusively to fighting terrorism. But is the government manufacturing ghosts?«

Manufacturing ghosts makes a lot of sense, marketing-wise, if you are an officially appointed ghostbuster.

(via Telepolis)


A Rationalist Approach to Risk Assessment

February 11, 2008

»I believe smoking bans are doing great damage, and not only economic damage. They promote intolerance, social tension and a ‘stool pigeon’ culture. They ostracise a large and law-abiding segment of the population. They set a worrying precedent for all kinds of other social engineering. And they bring Nanny into Nightlife: the last place she belongs.«

Over at Plazeboalarm they celebrate (in German) an essay by Joe Jackson, Smoking, Lies and The Nanny State (PDF), and rightly so. He perfectly demonstrates a rationalist approach to risk assessment, which is based on fact rather than opinion and hidden agendas. He also demonstrates how real and unreal health risks can be abused politically and possibly lead to much worse an outcome even if the original risk fought was real.

Even though not everyone may agree with him, even if the factual basis of his essay were wrong (I didn’t verify his numbers yet), he reminds us of the virtue of skepticism. Even experts can be wrong. Terribly wrong, sometimes:

»It is has become ‘common knowledge’ that smoking is one of the worst things you can possibly do to yourself; ‘all the experts agree’. Of course, ‘all the experts’ once agreed that masturbation caused blindness, that homosexuality was a disease, and that marijuana turned people into homicidal maniacs. In the 1970s and 80s British doctors told mothers to put their babies to sleep face-down. Cot deaths soared, until a campaign by one nurse succeeded in changing this policy, which we now know to have claimed something like 15,000 lives.«

No matter how you feel about smoking, read his essay and try to grasp the many points he makes that are not immediately related to cigarettes and tobbacco but rather to rationalism and workable ways of running a society. A must-read for everyone. Conspiracy theories about the tobacco industry are not an acceptable excuse.


Blödsinnige Dämonisierung

January 29, 2008

Spiegel Online geht mit der Mode und bauscht die Zigarette zum heimtückischen, bösartigen Suchtdämon auf:

»Die sieben wissen, dass sich nicht “leichsinnig” werden dürfen und “streng mit sich” sein müssen, wollen sie keinen Rückfall erleiden. “Eine Zigarette reicht, um mich wieder zum Raucher zu machen”, sagt Klaus.«

Nun ja, es ist nur zitiert und die eigentlichen Schuldigen sind die Jungs und Mädels aus dem Entwöhnungsseminar und ihre Psychologin. Wie dem auch sei, liebe Leserinnen und Leser, das ist Bullshit. Read the rest of this entry »


Scientology legt nach

January 25, 2008

Nach dem viralen Video, das Presse und Blogger gleichermaßen gern verbreiten halfen, schließt sich jetzt ohne Medienbruch eine Runde Astroturfing an. Heise Security meldet:

»Eine anonyme Gruppe hat Scientology im Internet den Krieg erklärt. Über ein YouTube-Video verkündet die sich selbst “Anonymous” nennende Gruppe, gegenüber der Scientology-Kirche die Redefreiheit verteidigen zu wollen.«

Da werden die Scientologen aber zittern. Oder noch ein wenig an ihrer sattsam bekannten Selbstdarstellung als verfolgte Unschuld feilen. Und alles nur, weil wir uns eine ausnutzbare Angstneurose gönnen. Wer seine kurieren will: ich verleihe gern meinen Hubbard. Weiter als bis Seite 50 ist noch keiner gekommen, ohne ihn kopfschüttelnd zur Seite zu legen.


Was war noch gleich BSE?

January 24, 2008

Erinnert sich noch jemand an BSE? Die gefährliche Rinderkrankheit, an der wir alle sterben sollten? Die Zeit lässt es sich nicht nehmen, uns an die Fakten zu erinnern: nie waren hierzulande mehr als 125 Rinder befallen, heute gar keins mehr, und kein Mensch erkrankte je. Man glaubt kaum, das wegen so etwas Minister zurücktreten mussten, das Thema lange die Medien beherrschte und dass wir heute noch – gesetzlich vorgeschrieben – so handeln, als sei BSE eine real existierende Seuche.


Operation sichere Zukunft: die Bilanz

January 14, 2008

Pünktlich zur Hessenwahl erinnert Andrea Diener an die Operation sichere Zukunft der gegenwärtigen Landesregierung:

»Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Operation sichere Zukunft? Vor vier Jahren war das. Damals waren es noch nicht die jugendlichen Straftäter mit Migrationshintergrund, die für Unsicherheit und Kampfrhetorik sorgten, sondern die finanzielle Lage des Landes Hessen.«

Die Ganzkurzfassung: man hat viel Geld gespart, aber wohl an der falschen Stelle. Ihr Text ist aber viel besser als meine Zusammenfassung und Quellen hat sie auch. Lesen!

Wer mehr zur Wahl lesen möchte: der Onlinejournalistennachwuchs der h_da füllt der Frankfurter Rundschau das Wahlblog Kreuzchen (via: Textdepot). Ob die Texte was taugen, kann ich noch nicht sagen; immerhin haben sie ein richtiges Blog hingekriegt und bewegen sich damit am oberen Ende der journalistischen Onlinekompetenzskala.


Wahlcomputer: die FAQ als Lackmustest für Bullshit

January 13, 2008

Woran erkenne ich, wie gründlich jemand nachgedacht hat? Nun, im Netz bietet sich die jeweilige FAQ an, die Liste häufig gestellter Fragen. In der Blütezeit des Usenet und der Mailinglisten, in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts also, handelte es tatsächlich noch um häufig gestellte Fragen. Heute ist daraus ein Stilmittel für Online-Texte geworden und es handelt sich in aller Regel um antizipierte Fragen. Das ist gut, denn eine so entstandene FAQ gibt uns tiefen Einblick in die Gedankenwelt ihrer Autoren. Man kann sie als Lackmustest für das Problemverständnis und die Komplexität einer Lösung verwenden. Das haben wir bereits früher festgestellt. Interessanter als die Antworten sind dabei die Fragen selbst, vor allem auch die nicht gestellten.

Wahlverfahren sind ein Gebiet, auf dem so ein Lackmustest gut funktioniert. Nötig ist er: leider fühlen sich Ingenieure und Informatiker von aktuellen Themen angespornt, mal schnell ein paar Lösungsansätze zu skizzieren. Die sind dann oft nicht zu Ende gedacht; heraus kommen Kindereien wie das Bingo Voting des E.I.S.S. der Uni Karlsruhe. Als wissenschaftliche Fingerübung ist so etwas gewiss akzeptabel, aber der Öffentlichkeit präsentiert man es bereits als Lösung, für welches Problem auch immer. Sogar eine eigene Domain hat man schon reserviert, als wolle man bald eine Firma gründen und ein Produkt daraus machen. Der Heise-Ticker berichtete, und im Forum dazu stehen bereits allerlei kluge Kommentare. Wie gesagt, Diskussion und Untersuchung sind vollkommen legitim, man muss die Sache nur richtig einordnen.

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Pr/W ahltag - Schilda in Langen

January 11, 2008

Wahlcomputer in Langen

Am Mittwoch war Probewahl in Langen und weil das gleich um die Ecke ist, bin ich mal vorbeigehuscht, um mich von der Sicherheit der Wahlcomputer zu überzeugen. Das wollte die Stadt Langen nämlich nach eigenem Bekunden mit dem Versuch erreichen. Dabei ging es allerdings nicht um IT-Sicherheit, sondern vielmehr um eine Beamte beim Wahljogging.

Das stört Bürgermeister Pitthan nicht, der in einer absurden Pressmitteilung flux verlautbaren ließ: „Die Wahlmaschinen arbeiten zu hundertprozent zuverlässig und sie sind sicher.” Das ist ungefähr so also ob ich einen Klempner rufe, um die Qualität meines Trinkwassers zu testen, der dann 20 Mal die Spülung drück und anschließend sagt - die Wasserversorgung arbeitet zuverlässig und ihr Wasser ist sicher. Im Hinblick auf IT-Sicherheit war die Wahlinszenierung ein echtes Possenstück, das tiefe Einblicke in die gelebte Demokratie erlaubt. Read the rest of this entry »


Angstneurose und Religion

January 8, 2008

Eine gern gepflegte Angst der Deutschen ist die Angst vor Scientology. Wie jede Angst sollte man auch diese bei Gelegenheit hinterfragen, vielleicht ist sie ja irrational. Das hat Beda M. Stadler auf der Achse des Guten versucht – aus einer atheistischen Position. Seine Schlussfolgerung:

»Wer Scientology verbieten will, muss auch die klassischen Kirchen und sämtliche Sekten abstrafen. Sie alle verfechten merkwürdige Dogmen, nehmen ihre Mitglieder aus, betreiben allerlei Hokuspokus und sind wissenschaftsfeindlich…«

(Die Achse des Guten: Was ist so schlimm an Scientology?)


Atomkrebs und die Medien

December 18, 2007

Mit zunehmendem Abstand zur Studie werden die Artikel sachlicher. Die Zeit machte den Anfang, jetzt folgt die Süddeutsche. Nur die taz tut sich noch schwer mit der Erkenntnis, dass da vielleicht nichts ist, hält alle anderen für Ignoranten und legt ein Interview drauf, in dem Professor Eberhard Greiser der Leiterin der Studie allen Ernstes vorwirft, die Ergebnisse ihrer eigenen Studie zu manipulieren.

Derselbe Eberhard Greiser übrigens, der das Krebsrisiko durch Mobiltelefone für unterschätzt hält – und dort gibt es nachweislich nicht mal theoretisch einen Wirkmechanismus, der überhaupt irgend etwas auslösen könnte. Die elektromagnetischen Wellen des Telefons können es jedenfalls nicht sein, die haben Wellenlängen ungefähr zwischen einem und fünf Kopfdurchmessern und sind damit schlicht zu groß, um in einer Zelle etwas zu bewirken. Derselbe Eberhard Greiser auch der sich früher selber mit windigen, aber zielgerichteten Studien zur Sache Kritik einfing und der Fluglärm für eine Ursache von Krebs und Allergien hält. Auch von einem taz-Journalisten erwarte ich unter diesen Umständen, dass er mir den Befragten nicht als neutralen Experten vorstellt, sondern wenigstens mal einen dezenten Hinweis auf mögliche Voreingenommenheit gibt. Das Attribut atom-kritisch hätte schon genügt.


Klimaglaube und Medienwirkung

December 16, 2007

69 Prozent der Deutschen erwarten eine Klimakatastrophe, meldete Spiegel Online im Sommer 2006. Inzwischen dürften es noch einige mehr sein, denn 2007 war das Klima ein Dauerbrenner in den Medien. Ein Musterbeispiel gelungener Risikokommunikation auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse?

Keineswegs. Wie wir aus einer anderen Umfrage wissen, sind 70% der Deutschen religiös. Siebzig Prozent unserer Mitbürger glauben also alles, wenn es nur gut genug verpackt ist. Die Kunst des Verpackens aber haben die Medien so weit perfektioniert, dass es sogar Wissenschaftlern unheimlich wird, die eigentlich keine Angst vor den Medien haben und sich auch schon mal mit der Achse des Guten anlegen.

Was auch immer die Wissenschaft herausfindet oder diskutiert, für die Medien ist es bestenfalls ein Anlass zu eigenen Geschichten. Ganz gleich ob man Katastrophiker, Skeptiker, gleichgültig oder etwas anderes ist, die Mainstream-Medien sind eine ganz schlechte Quelle zur Meinungsbildung. Ob wir tatsächlich ein Problem haben oder nicht und wie sicher oder unsicher die Prognose ist, wird man dort nicht erfahren. Wer eine seriöse Risikoschätzung braucht, muss sich selbst mit den Klimaforschern und ihren Kritikern auseinandersetzen. So viel Zeit muss sein.


Grippe so gefährlich wie Atom, Lampenöl auch

December 12, 2007

Was das Ergebnis der KiKK-Studie bedeutet beziehungsweise eben nicht bedeutet, wissen wir schon. Zur Erinnerung: wir reden nüchtern betrachtet über 0,2 bis 0,3 Prozent der Krankheitsfälle oder mit einer sehr gewagten Interpretation von höchstens 275 Neuerkrankungen.

Zum Vergleich erinnert uns Spiegel Online daran, dass »im gleichen Zeitraum und in der gleichen Altersgruppe … 214 Kinder an Grippe und 3320 Kinder aufgrund von Verkehrsunfällen« starben. Die gewöhnliche Virusgrippe ist also in etwa so riskant wie ein Kernkraftwerk hinterm Haus. Vielleicht sogar riskanter, denn hier reden wir über Tote, während es in der Krebsstudie um Erkrankungen ging, die durchaus heilbar sind. Und wenn wir schon bei Verkehrsunfällen und toten Kindern sind, die Hälfte der im Straßenverkehr getöteten Kinder stirbt nicht als Radfahrer oder Fußgänger, sondern im Auto. Wer Angst um seine Kinder hat, fährt sie also besser nicht zur Schule.

Eine weitere Vergleichszahl liefert die taz, die der Propaganda für die Kernkraft gewiss unverdächtig ist. Seit dem Jahr 2000 haben sich bundesweit mehr als 700 Kinder mit Lampenöl vergiftet. Fünf davon sind gestorben, weitere trugen bleibende Schäden davon. Die Meldung der taz beruht auf einer Warnung des Gesundheitsministeriums von Nordrhein-Westfalen. Das kann jetzt jeder selbst auf die 24 Jahre der KiKK-Studie hochrechnen.

Update: Die Sueddeutsche hat zwar unnötig Angst vorm Netz, aber auch einen schönen Artikel übers Aufbauschen und Abwiegeln im nämlichen. Und der Tagesspiegel lässt endlich mal die Wissenschaft selbst zu Wort kommen.


Machen Atomkraftwerke Krebs?

December 11, 2007

Ein Physiker erklärt uns, was interessierte Kreise lieber verschweigen: die KiKK-Studie sagt weniger aus, als Kernkraftgegener gern hätten.

Mein Kommentar: Faszinierend, welches Geschrei eine Studie auslöst, deren Ergebnis bereits an einem einfachen Bullshit-Detektor scheitert: 0,8 Leukämiefälle pro Jahr schreibt die Studie der Nähe des Wohnortes zu Kernkraftwerken zu – bundesweit, insgesamt. Da braucht man keine Signifikanztests mehr, so ein Ergebnis sagt einfach nichts über Risiken aus, wie uns das Ärzteblatt vorrechnet. Falls Kernkraftwerke die betrachteten Krankheiten verursachen – die Studie macht keine Angaben darüber und kann es auch nicht –, reden wir über 2 bis 3 Promille der insgesamt auftretenden Fälle. Attributables Risiko nennen sie das, ein schöner Begriff.

Wer sich auf so etwas beruft, wenn er gegen die Kernkraft wettert, den muss man dringender abschalten als alle Kraftwerke zusammen. Mit einer rationalen Debatte über unsere Energieversorgung hat das reflexhafte Gebell in den Medien jedenfalls nichts zu tun. Liebe Politker, wenn Ihr mich für so dumm verkaufen wollt und Euch dabei auch noch erwischen lasst, macht Ihr Euch auf der Stelle und für alle Zeit unwählbar.

Ausführliche Flames zur Sache habe ich bereits im Forum zur Telepolis-Meldung geschrieben. Auch dort geht in einige Köpfe nicht hinein, dass eine wissenschaftliche Studie vielleicht trotzdem nichts bedeuten könnte. Merke: auch die Wissenschaft kann man zum Anker eines Glaubenssystems machen. Wissenschaftlich ist das aber nicht.


Klumpenrisiko

November 22, 2007

Stimulanzien können paradox wirken. Werbung ist ein Stimulans. Sie kann also das Gegenteil des Gewollten erreichen: David Wengenroth nimmt eine Kampagne der LBS zum Anlass, die Idee vom Eigenheim als Geldanlage zur Alterssicherung zu durchdenken: »Entdecke den Schuldner in dir!«