Unterschätzte Risiken: Wettsingen

November 23, 2009

Das kommt heraus, wenn man seinen Sicherheitsbehörden freien Lauf lässt, statt sie auf nützliches Handeln gegen echte Bedrohungen zu beschränken:

»Beamte des aserbaidschanischen Ministeriums für Nationale Sicherheit (…) haben nach verschiedenen Medienberichten die Identität von Bürgern ermittelt, die beim Eurovision Song Contest 2009 in Moskau für den Beitrag Armeniens gestimmt haben. Mindestens ein Betroffener wurde verhört und aufgefordert, sein Handeln schriftlich zu begründen.«

(sicherheitsblog.info: Aserbaidschan, der Geheimdienst und der Eurovision Song Contest 2009)

Merke: Sicherheit darf weder Selbstzweck sein noch als Begründung für x-beliebige Maßnahmen herhalten. Was sogleich die Frage aufwirft, wie man vorbeugende Maßnahmen denn richtig begründet.


Unterschätzte Risiken: Waldsterben

November 19, 2009

»Im Frankfurter Westend ist am Mittag eine Frau von einem umstürzenden Baum lebensgefährlich verletzt worden. (…) Eine weitere Passantin, die das Unglück mit angesehen hatte, erlitt einen Schock.«

(HR: Ursache unklar: Baum stürzt auf Fußgängerin)


Unterschätzte Risiken: Erdwärme

November 6, 2009

Sieht so aus, als bekäme der Rhein einen neuen Zufluss:

»Ein riesiger Wasserschaden ist in Wiesbaden bei Erdwärme-Bohrungen entstanden. Rund 6.000 Liter Wasser schießen pro Minute in die Höhe. Wann das Bohrloch in der Innenstadt geschlossen werden kann, war am späten Abend unklar.«

(HR: Erdwärme-Bohrungen: Gewaltiger Wasserschaden in Wiesbaden)

Jetzt kann Aachen einpacken.


Unterschätzte Risiken: Koalitionsverträge?

November 2, 2009

Das Antiterrorblog macht sich so seine Gedanken zu den aufgeschobenen Stoppschildern:

»Ende 2010 ist dann aber wiederum nur ein erneuter Erlass des Bundesinnenministers nötig, um die Schilder aufzustellen. Kein Beschluss des Bundestages oder Bundeskabinettes, also auch keine Beteiligung der FDP. Für eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht könnte es dann aber wegen dieser Frist schon zu spät sein! Vertrauen wir dabei also auf die FDP und lassen uns einlullen, kann das Böse enden.«

(Antiterror.blog.de: Internetsperren: Klage unzulässig?)

Wie ich dort bereits als Kommentar kurz schrieb, wäre die Masche ja nicht ganz neu. Abofallenbetrüger zum Beispiel arbeiten seit jeher damit: das Opfer schließt einen Abovertrag, ohne sich dessen bewusst zu sein. Während der gesetzlich garantierten Widerrufsfrist wird die Gegenseite nun tunlichst alles vermeiden, was das Opfer auf seinen Irrtum hinweisen könnte. Die erste Rechnung kommt folglich dann, wenn die Widerrufsfrist abgelaufen ist, denn dann ist der einfachste Ausweg verbaut.


Unterschätzte Risiken: Impfkampagnen

November 1, 2009

Das ist doch mal eine schöne Theorie:

»Dann aber berichtet der Teamleiter von einer überraschenden Beobachtung: In China und anderen Ländern, wo sich die neue Variante des Virustyps H1N1 ausbreite, „gehen die Befunde mit H3N2 gleichzeitig schnell nach unten“, sagt er. Die Kollegen merken auf. Heißt das, die neuen Viren, Verursacher der weltweit verbreiteten Schweinegrippe, verdrängen die bisherigen, saisonalen Grippeviren, weil sie im Körper ihrer Wirte um den gleichen Platz konkurrieren? Werden damit die „pathogeneren“ Viren ausgerottet, diejenigen also, die mehr schwere Erkrankungen und Todesfälle verursachen?«

(Tagesspiegel: Schweinegrippe: Höchste Warnstufe)

Ob so etwas medizinisch plausibel ist, kann ich nicht beurteilen, und es interessiert mich auch nicht besonders. Viel interessanter ist nämlich der Aspekt der Risikomanagements. Wenn so ein Verdrängungseffekt prinzipiell möglich ist, er aber erst nach einer größeren Zahl beobachteter Fälle nachweisbar wird, worauf stütze ich dann a priori meine Risikoschätzung? Wieviel Willkür, wieviel Faustregel und wieviel Cargo-Kult steckt eigentlich in einer Impfempfehlung?


Unterschätzte Risiken: Atomkriege

October 23, 2009

Atomkriege sind schlecht für … die Ozonschicht:

»A limited nuclear weapons exchange between Pakistan and India using their current arsenals could create a near-global ozone hole, triggering human health problems and wreaking environmental havoc for at least a decade, according to a study led by the University of Colorado at Boulder.«

(Regional Nuclear Conflict Would Create Near-global Ozone Hole, Says Study)


Unterschätzte Risiken: Handtascheninnenraumbeleuchtung

October 5, 2009

Unnützes Feature mit unerwünschter Nebenwirkung, das ist ein Klassiker:

»Licht in der Tasche – Stress an der Kasse: Die Innenbeleuchtung einer Handtasche des Kaffeerösters Tchibo gefährdet die Zahlungsfähigkeit der Besitzerinnen. Der eingebaute Magnet kann die Magnetstreifen von EC-Karten angreifen – und im Extremfall unbrauchbar machen.«

(Spiegel Online: Gefahr für EC-Karten: Verbraucherschützer warnen vor Tchibo-Handtasche)


Unterschätzte Risiken: Blutvergiftung

September 25, 2009

»60 000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr an einer Blutvergiftung. Das sind 162 Todesfälle am Tag. Damit ist die Sepsis, besser bekannt als Blutvergiftung, die dritthäufigste Todesursache nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.«

(Focus Online: Blutvergiftung: Der unterschätzte Killer)


Unterschätzte Risiken: Milchbauern

September 22, 2009

»Rund eine Tonne toter Fische wurde am Kloster Helfta, dem Tagungsort der Agrarminister, seit Samstag geborgen. Die Fische verendeten vermutlich wegen der von Bauern ausgekippten Milch. Am Freitag hatten Landwirte aus Protest gegen die niedrigen Milchpreise mehrere zehntausend Liter Milch aus Güllefahrzeugen vor das Kloster gekippt.«

(Welt Online:
Niedrige Milchpreise: Milchbauern bringen durch Protest Fische um)


Unterschätzte Risiken: Mallorca

September 16, 2009

Was die Frankfurter Rundschau berichtet, ist bis zur nächsten Badesaison sicher wieder vergessen:

»Innerhalb von rund zwei Wochen sind auf der Ferieninsel elf Menschen beim Schwimmen oder Tauchen im Meer ums Leben gekommen – acht der Opfer waren deutsche Touristen.«

(Frankfurter Rundschau: Badeunfälle: Tod vor Mallorca)

Alles übers Ertrinken erfahren Sie unter www.blausand.de. Insgesamt kommen jedes Jahr einige Hundert Deutsche bei Badeunfällen ums Leben.


Unterschätzte Risiken: Tresore

August 21, 2009

Kleine Geldbeträge gehören in die Schublade und nicht in einen teuren Tresor:

»In der Nacht zum Donnerstag sind Unbekannte in ein Freibad in Bad Hersfeld eingebrochen. Sie knackten den Tresor und verschwanden mit der Beute.

(…)

In dem Tresor befanden sich mehrere hundert Euro Bargeld. Die Täter entkamen mit der Beute. Der Sachschaden beträgt mindestens 6.500 Euro.«

(HR: Einbruch: Tresor in Schwimmbad ausgeräumt)

Das ist allerdings ein Einzelfall, den wir obendrein noch rückwirkend betrachten. Welches Risiko der ängstliche Tresorbenutzer und der unbekümmerte Schubladenverwender jeweils insgesamt eingehen, wäre noch zu überlegen.


Unterschätzte Risiken: Nerds

July 7, 2009

»We find that graduates from subjects such as science, engineering, and medicine are strongly overrepresented among Islamist movements in the Muslim world, though not among the extremist Islamic groups which have emerged in Western countries more recently. We also find that engineers alone are strongly over-represented among graduates in violent groups in both realms. This is all the more puzzling for engineers are virtually absent from left-wing violent extremists and only present rather than over-represented among right-wing extremists.«

(Engineers of Jihad, via)


Unterschätzte Risiken: 20-Jährige

June 23, 2009

Interessantes Hobby:

»In Halle hat ein 20-Jähriger dutzende Frauen auf dem Fußweg umgeschubst. Die 22- bis 74-Jährigen erlitten meist leichte Verletzungen, wie die Polizei am Dienstag mitteilte.«

(LVZ-Online: 20-Jähriger schubst in Halle dutzende Frauen um)


Unterschätzte Risiken: Killerspiele

June 11, 2009

Wer solche Dienstleister beschäftigt (und kein Backup hat), der braucht keine Feinde mehr:

»Er hatte seinen Sohn mit zu einem Firmenkunden genommen. Während der Verurteilte seiner Arbeit nachging, machte sich sein Sohn an einem Kundenrechner zu schaffen und löschte dabei beim Versuch ein Computerspiel zu installieren, versehentlich wichtige Datenbestände.«

(Blog zur IT-Sicherheit: Sind Ihre Daten wirklich sicher?)


Unterschätzte Risiken: Wahlkämpfe

June 8, 2009

Der HR berichtet:

»Ein Rollerfahrer ist am Sonntagabend in Giessen durch ein Wahlplakat verletzt worden.
Das 100 mal 50 Zentimeter große Plakat hatte sich wegen starker Windböen aus seiner Halterung gelöst und wurde direkt vor den fahrenden Pizzaboten geweht.«

Sie danken uns die Kreuze nicht.


Unterschätzte Risiken: Hackerwettbewerbe

June 6, 2009

Lehrreiches Scheitern:

»A Webmail service that touts itself as hack-proof and offered $10,000 to anyone who could break into the CEO’s e-mail has lost the challenge.
(…)
The hacking team of Aviv Raff, Lance James and Mike Bailey set up the attack by sending an e-mail to the company’s CEO Darren Berkovitz. When he opened the e-mail, the team exploited an XSS flaw to take control of the account.«

(Zero Day: StrongWebmail CEO’s mail account hacked via XSS)

Die 10.000 Dollar hätten sie auch gleich bei einem fähigen Security-Tester anlegen können, dann hätten sie für dasselbe Geld wahrscheinlich mehr über ihre Irrtümer gelernt. Allzu weit kommt man mit diesem Betrag zwar nicht, aber die Tester arbeiten wenigstens bis zum Ende des Geldes weiter, statt mit dem ersten gefundenen Problem den Preis abzuräumen. Damit sinkt auf lange Sicht der Preis pro gefunder Verwundbarkeit, während er bei einer Folge von Hackerwettbewerben vielleicht sogar steigen würde.


Security Experts: LEAVE YOUR PASSWORDS HERE

June 5, 2009

Infosecurity_Europe

Seen by some cctv-cameras in the backgrounds and a colleague at this year’s Infosecurity Europe in London – “Europe’s No. 1 dedicated security event”. Ah those security nerds just know no fear…


Unterschätzte Risiken: Laborarbeit

June 1, 2009

Wir Informatiker haben es einfach. Ein Labor ist für uns meistens ein Stück Netz mit ein paar Rechnern dran, oder heute oft nur noch ein einziger Rechner mit ein paar virtuellen Maschinen drauf. Viel kann da nicht passieren.

In einem klassischen Labor ist das anders. Da gibt es Chemikalien,  Druckbehälter, Krankheitserreger, Strahlung, Elektrizität, Maschinen, Tiere und was man sonst noch braucht, wenn man sich um einen Darwin Award bewirbt.

Die American Industrial Hygiene Association (AIHA) hat einen Leitfaden mit vielen Beispielen zusammengestellt. Eine Kostprobe:

Don’t Store Dry Ice in Walk-in Refrigerators

Walk-in refrigerators (or “cold boxes”) typically recirculate the chilled air in their interiors, so storing volatile materials in them can pose special hazards—any gases or vapors may concentrate inside over time.

Recently on the X Campus, a walk-in refrigerator was used to store dry ice. (…)  The dry ice, of course, gave off carbon dioxide (CO2) gas as it sublimed, causing the refrigerator to build up CO2 levels of 12,000 parts per million (ppm)!

Zu einigen der beschriebenen Fälle gibt es auch Fotos.


Unterschätzte Risiken: Wissenschaft, Zufall und CYA

May 16, 2009

Die NZZ von gestern (2009-05-15) erklärt uns die Mechanismen, die vom Gedankenspiel eines Wissenschaftlers zur landesweiten Panik mit einigen Hundert Todesopfern führen können. Als Beispiel dient die Schweinegrippe – nicht jene aktuelle, die gerade in den Randspalten versickert, sondern die von 1976. Damals kam es in den USA zu einer großen Impfkampagne. Sie war wahrscheinlich unnötig, hatte aber vereinzelt Nebenwirkungen , die sich zu einigen Hundert Toten summierten.

Neben einigen Zufällen lagen die Ursachen im CYA-Bias von Behörden und Politik, der auf wilde Spekulationen eines Wissenschaftlers traf. Wobei sich die Spekulation im Rahmen des Zulässigen bewegte. Zeitreihenanalyse nennt man es, wenn man nach Mustern in einem Zeitverlauf sucht und diese in die Zukunft projiziert. Das kann interessant sein, aber zu mehr als zur Hypothesenbildung taugt es kaum. Schlecht, wenn es alle für bare Münze nehmen, nur weil es in der Zeitung steht und den Stempel Wissenschaft trägt.

Das Fazit des Artikels:

»Angesichts der unheilvollen Dialektik von voreiliger Aufregung und nachträglicher Beschwichtigung scheint eine zentrale Aufgabe der Zukunft darin zu bestehen, nicht nur exzellente Universitäten zu schaffen, sondern auch besonnene Wissenschaften zu ermöglichen, die zur Absicherung ihrer Erkenntnisansprüche keiner Mobilisierung von Ängsten bedürfen.«

(NZZ: Unbezwungene Ungeheuer, Die Schweinegrippe und die Konjunkturen des Schrecklichen)


Unterschätzte Risiken: Twitter

April 26, 2009

Während der Medienmainstream anlässlich einiger Schweinegrippefälle am anderen Ende der Welt die Katastrophenticker warmlaufen lässt, setzen sich einige Außenseiter mit den Mechanismen dahinter auseinander. Ben Schwan für die taz zum Beispiel:

»Surft man auf Twitter ein wenig zu lange herum, bekommt man unweigerlich das Verlangen, zur nächsten Apotheke zu rennen und sich das Grippemittel Tamiflu samt Atemschutzmaske zu besorgen.«

(taz.de: Kommentar Schweinegrippe: Pandemische Beschleunigung)

Ein aufmerksamer Selbstbeobachter ist Marcus Anhäuser vom Plazeboalarm, der auch ein paar informative Links zum Thema zusammengetragen hat:

»UND STOPP: DA GERÄT MAN JA GANZ SCHNELL IN DIESEN MELDERAUSCH, UND ICH STELLE FEST: Das bringt ja gar nichts. Die Googlefälle kann ich auf die Schnelle nicht validieren. Also Stopp hier. Keine Updates mehr.«

(Schweinegrippe: Auf dem Laufenden bleiben)

Als Medienkonsument darf ich hinzufügen: falls wir diesmal wirklich alle sterben, sind Katastrophenticker das letzte, womit ich meine Restzeit verplempern möchte.

PS: Isotopp hat das Spiel zur Panik ausgegraben.


Unterschätzte Risiken: Vorsorge

April 23, 2009

»Sowohl Ärzte als auch Patienten überschätzen den Nutzen der Früherkennungsuntersuchungen. “In puncto Früherkennung gebe es eine kollektive Blindheit von intelligenten Menschen”.«

(Stationäre Aufnahme: Risiko Vorsorge)


Unterschätzte Risiken: Laptops

April 21, 2009

»A Canadian woman driving a small car was involved in a car crash. Investigators found that she likely would have survived if not for her laptop, which had been placed unsecured in the back seat and which flew forward and hit her in the back of the head.«

(The Risks Digest Volume 25: Issue 64)


Unterschätzte Risiken: Killerkurznachrichten

March 26, 2009

Angst vor Händistrahlung war gestern. Heute fürchten wir uns vor der Killerkurznachricht:

»Laut den Mobilfunknutzern würden von Unbekannten massenhaft SMS-Meldungen versendet, die angeblich starke Kopfschmerzen auslösten, denen eine Hirnblutung und der Tod folgten. In Ägypten und Saudi-Arabien seien bereits mehrere Menschen mit derartigen Symptomen in Krankenhäuser eingeliefert worden, heißt es.«

(RIA Novosti: Ägyptische Behörden dementieren Gerüchte über lebensgefährliche SMS-Meldungen)

Verschwörungstheoretiker werden am Dementi der ägyptischen Behörden Gefallen finden, denn wer etwas dementiert, der hat ja sicher einen Grund dazu, und den denkt sich der Verschwörungstheoretiker aus.