Der Helm zum Wetterbericht

Angelegentlich der laufenden Helmdiskussion in Verbindung mit Wettervorhersagen für dieses Wochenende fiel mir ein, dass ich ja selbst einen Helm besitze. Das ist er:

Bauhelm

Gekauft habe ich ihn, um bei einem nicht allzu ernst gemeinten Volkstriathlon nicht mit den Streckenposten diskutieren zu müssen. Wie wir inzwischen wissen, dauern Helmdiskussionen ja manchmal etwas länger, und ich bin so schon kein Spitzensportler. Die gewünschte Wirkung hat der Helm übrigens in 100% seiner bislang 2 Einsätze erzielt, mehr kann man wirklich nicht verlangen.

So einen Helm bekommt man dort, wo es auch Styroporhüte und Schrottfahrräder gibt: in jedem Baumarkt. Sein wesentlicher Vorteil besteht darin, nur ungefähr 15 Euro zu kosten. Man kann also für weniger Geld genauso bekloppt aussehen wie mit einem Radelhelm:

Bauhelm auf Bloggerkopf

Außerdem beleidigt er den Verstand deutlich weniger als Radelhelme und ihre Anhänger. Nie hört man begeisterte Bauhelmträger im Tonfall eines Fernsehpredigers darüber jubeln, wie ihnen der Helm das Leben gerettet habe, obwohl er auf Baustellen recht oft Gelegenheit dazu haben dürfte. [Auffällig ist übrigens, dass in den Lebensrettungsgeschichten nie, nie, niemals schwere Unfälle mit Kfz-Beteiligung vorkommen.] Nie fordern Mediziner öffentlichkeitswirksam eine Bauhelmpflicht für Hausfrauen, obwohl denen viel mehr passiert als den Radfahrern. Keine Hannelore-Kohl-Stiftung betreibt mit Schockfotos Bauhelmpropaganda. Niemand sagt dem Helm wunderbare Lebensrettungsraten von 80% und mehr nach, die aller Erfahrung nach nur für eine geeignet vorgewählte Grundmenge gelten können, weil viel zu viele Radfahrer viel zu oft ohne Kopfverletzung vom Rad fallen. Auch fühlt sich niemand bemüßigt, unwillkommene Ketzerei mit Scheinargumenten wegzuzensieren, wo die Wissenschaft offenbar kein qualifiziertes Argument hergibt. Vor allem aber verfolgt man mit dem Bauhelm ein spezifisches, wohldefiniertes Schutzziel, statt sich nur irgendwie diffus sicher zu fühlen. Mit anderen Worten, der Bauhelm schafft es mühelos durch eine Reihe von Bullshitdetektoren, an denen der Styroporhut für Radfahrer grandios scheitert. Auch wenn es nur eine Heuristik ist, das spricht dafür, dass er tatsächlich Leben rettet.

Die Fahrradhelmanhänger weigern sich konsequent, auch nur über den spezifikationsgemäßen Wirkungsbereich oder gar das Wirkprinzip ihres Retters zu diskutieren; solche Details lässt man lieber im Dunkeln. Dabei ist das eigentlich ganz einfach. Der Bauhelm zum Beispiel soll vor zwei Dingen schützen: vor fallenden Gegenständen und davor, dass man sich den Kopf stößt und Verletzungen davonträgt. Folgerichtig ist er so gestaltet, dass er vor allem nach oben wirkt. Das ist beim Fahrradhelm nicht anders, aber schon dieses Eingeständnis wird man Helmträgern nicht entlocken können. Es gibt ferner eine natürliche Grenze für die erforderliche Helmwirkung: was seinen Träger komplett zerquetscht, braucht der Helm nicht abzufangen. Diese Grenze liegt vermutlich irgendwo zwischen Ziegelstein aus geringer Höhe und tonnenschweres Bauelement aus dreihundert Metern. Siehe da, man kann sich sehr konkret und sachlich überlegen, welche Teilmenge des Risikos der Sicherheitsmechanismus bewältigen soll. Fahrradhelmgläubige tun das nie, wir hier schon.

Den inneren Aufbau zeigt das dritte Bild:

Innenseite des Bauhelms

Der Bauhelm besteht aus einer festen, aber elastischen Hülle sowie einem weicheren, ebenfalls elastischen Einsatz. Beide sind über die im Bild erkennbare Aufhängung am Helmrand miteinander verbunden. Diese Konstruktion korrespondiert mit dem Schutzziel. Von oben wirkende Kräfte werden hier tatsächlich verteilt und zum Teil durch die Verformung der Hülle sowie die Dehung des Einsatzes aufgenommen. [Übungsaufgabe: Erläutern Sie analog die Wirkung a) eines starren, b) eines elastischen, c) eines plastisch verformbaren Fahrradhelms.]

Dieses Ding sieht aus, als könne es die gewünschte Wirkung tatsächlich erzielen. Was plausibel ist, kann sich im Experiment immer noch als falsch erweisen, aber wir sind immerhin schon mal einen Schritt über die bloße Behauptung hinausgekommen. Wichtiger, wir haben eine überprüf- beziehungsweise falsifizierbare Schlusskette aufgebaut von einer spezifischen Unfallklasse (deren Anteil am Gesamtrisiko sich empirisch ermitteln lässt) über ein unterstelltes Wirkprinzip (auf das man Bauhelme untersuchen kann) hin zu einer mutmaßlichen Wirkung. Diese mutmaßliche Wirkung müssen wir jetzt nicht mehr durch Data Mining »belegen«, sondern wir können empirsche Methoden am Ende unserer Schlusskette viel sinnvoller verwenden, um unsere Argumentation auf Fehler und Lücken abzuklopfen. Unsere Theorie sagt zum Beispiel voraus, dass man gegen solche Unfälle besser ein anders Mittel sucht als den Bauhelm.

Im Gegensatz zu den Fahrradhelmgläubigen haben wir – wenngleich hier nur sehr skizzenhaft – eine sehr konkrete Theorie der Helmwirkung, die wir prüfen können. Das erspart uns die Qual, in statistisch gefundene Zahlen etwas hineininterpretieren zu müssen.

Sofern der Bauhelm gemäß unserer Theorie wirkt, so ist er ein geeigneter Sicherheitsmechanismus für jene, die sich bei oder nach einem Sturm draußen aufhalten müssen, denn eine der dabei auftretenden Gefahren sind herunterfallende Gegenstände. Der Helm wird dabei keine Wunder vollbringen, auch das sagt unsere Theorie in all ihrer Skizzenhaftigkeit bereits voraus, aber er passt wenigstens zu einer Komponente des Risikos und wir können aus unserer Theorie eine Voraussage darüber ableiten, ob es sich lohnt, beim Spaziergang im Wald während des Sturms diesen Helm zu tragen. [Hint: Vermutlich nicht.]

So, und was ist jetzt so schlimm an Plausibilitätsbetrachtungen, dass man lieber windige Statistiken bemüht, um sich vor solchen Diskussionen zu drücken? Wären Fahrradhelme nicht so übertrieben teuer (die Kampagnen kosten halt, das Material ist sicher keine 40 Euro wert), ich würde glatt noch ein paar Experimente machen. Nicht dass man damit einen Helmgläubigen bekehren könnte, aber an Formfehlern scheitern schließlich nur Anfänger.

Nachtrag: Das ist kein Scherz: »Als der 46-Jährige mit seiner Ehefrau über die Landstraße fuhr, stürzte der Baum unvermittelt um und begrub den Wagen des Ehepaars unter sich. Der Mann erlitt schwere Kopfverletzungen und starb später im Krankenhaus.« Er trug keinen Helm.

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About Sven Türpe

Sven Türpe is a computer scientist. His current research focus is on security engineering methods, techniques, and tools. All opinions expressed in this blog are his own.