Kinderschützer züchten Forentrolle

Während die Bundesregierung hofft, das Vertrauen ins Netz durch sichere Authentizifierung mit dem elektronischen Personalausweis zu stärken, predigen Kinder- und Jugendschützer das Gegenteil. Man möge im Netz gefälligst unter einem Phantasienamen auftreten und keinesfalls so, wie man wirklich heißt. Die offensichtlichste Folge dieses gerne beherzigten Tipps dürfte verstärktes Cyber-Mobbing sein, denn im Schutz der Pseudonymität pöbelt es sich gleich viel leichter. Ein Großteil der sozialen Selbst- und Fremdkontrolle fällt weg, wenn sich jeder von sich distanziert und unter einem Phantasienamen versteckt. Nicht umsonst ist die Diskussion um Reralnamen vs. Pseudonyme so alt wie das Netz.

Zuerst aber stellt sich die Frage, was denn eigentlich so schlimm daran ist, sich im Netz unter dem Namen zu bewegen, den man seit seiner Geburt trägt. Was, außer dem guten Gefühl, etwas getan zu haben, gewinnt man dadurch? Was kann mit im Netz passieren, wenn ich meinen Namen verrrate, das mir unter einem Pseudonym nicht passieren kann, und warum ist das Auftreten unter einem Pseudonym eine korrekte und sinnvolle Lösung des Problems?

4 thoughts on “Kinderschützer züchten Forentrolle

  1. Gegenfrage: Warum treten so viele Künstler nicht unter dem Namen, der auf ihrer Geburtsurkunde steht, auf?

    1. Dieser Vergleich hinkt ein wenig. Ich nehme an, dass Künstler ihre Künstlernamen selbst und freiwillig wählen und dass sie das ohne wohlmeinende Tipps fürsorglicher Mitmenschen tun. Dagegen habe ich nichts und von mir aus soll jeder unter dem Namen herumlaufen, der ihm am besten gefällt. Nur für notwendig halte ich das nicht. Ich bin seit Anfang der 90er Jahre unter meinem Namen in allerlei Netzen unterwegs und habe keine Rauferei ausgelassen. Aber ich habe nie auch nur eine tote Katze vor meiner Tür gefunden, geschweige denn einen kampfeslustigen Gegner. Ich bleibe deshalb bei meiner Frage: was soll Leuten und insbesondere Kindern passieren, wenn sie im Netz bedenkenlos ihren eigenen Namen benutzen? Und ich ergänze: wann und wie sollen sie dann eigentlich lernen, dass Kleider auch online Leute machen?

  2. Wenn das mal reichen würde: einer ohne tote Katze (ich bin übrigens im gleichen Club Mitglied – also sind es schon zwei). Leider kommen aber nicht alle Diskussionsfreudigen so leicht davon. Gerade Menschen, die sich deutlich und kontrovers in Bezug auf die linke oder die rechte Szene äußern, haben schon öfter sehr reale Konsequenzen zu spüren bekommen.

    Vielleicht wäre in Sachen Pseudonymdiskussion der Weg durch die Mitte der richtige: Authentifizierung gegenüber dem Websitebetreiber, Pseudonym im Forum und klare Regeln, wann der Realname (und weitere Daten) herausgegeben werden dürfen bzw. müssen. Das würde aber natürlich sofort wieder zu einer weitere Facette der Datenschutzdebatte führen.

    Und übrigens: auch wenn dies klar sein sollte – Politikern ist es offensichtlich schleiferhaft: Lösungen a’la “posting mit ePerso” funktionieren nur, wenn die ganze Welt mitmacht. Andernfalls wandern die Foren einfach in ein juristisch passendes Land ab. Woher kennen wir diese Diskussion nur (grübel…).

  3. Nicht jeder, der unter Pseudonym auftritt, ist ein Forentroll.

    Mit dem Pseudonym kann man, wenn man aufpasst, wirksam seine wahre Identität verbergen. Man kann sich dann zu Themen frei äussern, ohne befürchten zu müssen, daß die eigenen Äusserungen mit Details der tatsächlichen Identität in Verbindung gebracht werden. Hinter meinem Pseudonym kann ich diskutieren und kritisieren, auch wenn ich tatsächlich der Partei oder der Firma angehöre, die ich gerade durch den Dreck ziehe. Und niemand kann mir vorwerfen, ich würde dieses oder jenes nur oder in erster Linie deshalb sagen, weil es Parteiprogramm, Firmenstrategie oder auf der Agenda “meiner” gesellschaftlichen Gruppe ist.

    Klar, wenn man munter rumpöbelt, kann man sich bald ein neues Pseudonym zulegen, das dann ähnlich kurzlebig sein wird. Aber andere (zugegeben: wenige) pöbeln auch mit ihrem normalen Namen …

    Allerdings: Die im OP genannte Idee, durch Pseudonym-Nutzung zu verhindern, daß sich, äh, gewisse Menschen an minderjährige Kinder ranmachen, geht trotzdem daneben: Man kann Kinder unter ihrem Pseudonym genauso gut ansprechen wie mit ihrem normalen Namen. Und man kann sie genauso gut ausfragen, sich ihr Vertrauen erschleichen.

    Klar kann man etwas unternehmen, um Kinder (noch) besser zu schützen: Indem man die Gören zu vernünftigen, aufmerksamen, kritischen, wachen und mutigen Menschen erzieht. Das hilft online, und das hilft offline.

    Aber das lässt sich nicht so hübsch plakativ vortragen.

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