Madrid im Hinterkopf

Eben sollten wir noch Angst haben angesichts der Videodrohung eines bartlosen Islamisten. Gleich darauf dürfen wir uns aber wieder sicher fühlen. Auf dem Frankfurter Flughafen und dem Hauptbahnhof blicken wir in die Mündungen von Maschinenpistolen, und es sind die Maschinenpistolen unserer Freunde und Helfer:

»Seit Freitag müssen sich Reisende in der Main-Metropole an ein neues Bild gewöhnen: Bundespolizisten mit schweren Schutzwesten und Maschinenpoistolen schreiten in den Hallen des Frankfurter Flughafens und an den Gleisen des Frankfurter Hauptbahnhofs umher. “Es geht um die Präsenz, wir wollen den Reisenden Sicherheit geben”, rechtfertigt eine Sprecherin des Bundespolizeipräsidiums die verschärften Sicherheitsmaßnahmen.«

(HR: Nach Terror-Drohung: Bewaffnete Polizisten patrouillieren)

Gegen eine angemessene Bewaffnung der Polizei ist nichts einzuwenden, sie ist manchmal leider nötig. Dennoch ist von dieser plakativen Maßnahme kaum ein Sicherheitsgewinn zu erwarten. Man habe »Madrid im Hinterkopf,« heißt es wenig später im Text, aber das ist doppelt falsch: erstens hat man es nicht oder nur sehr vage, und zweitens würde das auch nichts nützen.

Wir erinnern uns. In Madrid fuhren die Bomben in Nahverkehrszügen in den Bahnhof. Wer das im Hinterkopf hätte, verspräche sich von Maschinenpistolen auf den Bahnsteigen des Hauptbahnhofes wohl wenig. Ein Terrorist könnte sie getrost ignorieren und an irgendeinem Vorortbahnhof mit seiner Bombe in die S-Bahn steigen. Und selbst wenn er das nicht könnte, warum sollte ein Terrorist auf Züge, Bahnhöfe oder Flughäfen fixiert sein? Wer viele Menschen auf einen Schlag treffen möchte, kann auch Samstags auf die Zeil gehen. Oder zur IAA aufs Messegelände. Oder in die Oper. Oder zur Konsumtempeleröffnung nach Weiterstadt. Oder, oder oder.

Weder gibt es eine besonders große Bedrohung; selbst wenn sich tatsächlich gerade entschlossene Terroristen auf ihren großen Tag vorbereiten, bleibt das individuelle Risiko gering. Noch tragen die Polizisten mit Maschinenpistolen nennenswert zur Risikoreduktion bei. Sie helfen nur den Verantwortlichen, ihre Verantwortung zu tragen.

4 thoughts on “Madrid im Hinterkopf

  1. Es ist schlimmer. Die Maßnahme ist nicht nur sinnlos sondern gefährlich und kontraproduktiv.
    Das martialische und in Deutschland nur aus Filmen und Kriegsreportagen bekannte Aussehen macht im pazifistischen Deutschland viele harmlose Menschen sehr nervös.
    Damit fällt für Zöllner und Zivilstreifen ein wichtiger Indikator weg.
    Außerdem ist die Bewaffnung alles andere als angemessen.
    Das potentielle Ziel der Polizeiwaffen bewegt sich ja einzeln mitten zwischen zu schützenden Menschen.
    Außerdem gibt es viele Wände und Gegenstände, die die Sicht versperren, aber nicht dick genug sind, um MP-Projektile aufzufangen oder wenigstens hinreichend abzubremsen.
    Die richtige Bewaffnung wären eine stinknormale Pistole mit extrem stark aufpilzender oder splitternder Munition in den Händen guter schneller Schützen (Revolverhelden! Mit Dum-Dum-Geschossen! UNO hilf! Hitler ist wieder da!) und Pumguns mit Gummigeschossen und Rehschrot für die normale Wache (Rambo! Pumpguns! Killer-Film-Methoden!).

    1. In einem typischen Movie-Plot-Szenario (das sich ähnlich flexibel erweitern lässt wie eine Verschwörungstheorie mittlerer Güte) müsste man freilich davon ausgehen, dass $EVIL_TERRORIST Schüsse eingeplant hat und seine Bombe bei Handlungsunfähigkeit trotzdem oder erst recht hochgeht. Herrenlosen Koffern zum Beispiel unterstellt man ähnliche Gemeinheiten, sonst würde man einfach reingucken und Exemplare ohne Bombe ins Fundbüro bringen, statt stundenlang den Betrieb aufzuhalten.

      1. Da braucht man keinen Movieplot. Aus dem palästinensischen und dem irakischen Terror ist bekannt, daß Selbstmordattentäter auch per Handy ferngezündet werden können, damit ihnen kein Maleur passiert.
        Eine Sprengfalle gegen das Öffnen eines Bombenkoffers ist verblüffend leicht gebaut. Solarzellen kriegt man ja hinterhergeworfen.
        Anleitungen zum Bau von Briefbomben lassen sich auch entsprechend abwandeln.
        Die stundenlange Wartezeit ist die Anreise- und Vorbreitungsdauer des Sprengkommandos der Polizei. Ginge natürlich deutlich kürzer, aber dann müßte man Geld in die Verbrechensbekämpfung zurückleiten, daß man jetzt so dringend braucht, um erwachsene Menschen zu einem schlechten Umwelt- und Ausländergewissen zu erziehen.

  2. Nachtrag: Natürlich gibt es Szenarien, in denen Sturmgewehre und Maschinenpistolen die richtige Bewaffnung sind. Wenn verteidigte Häuser gestürmt werden müssen beispielsweise. Es sind Waffen, die fürs Feld (Sturmgewehr) und für Häuser- und Grabenkampf (Maschinenpistolen) entwickelt wurden. Für andere Szenarien sind sie kaum brauchbar.

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