Spezialexperten (2)

»Scharen von Mikrofonträgern, die im Wendland unterwegs sind und stündlich ihre Frontberichte vom Castor-Transport abliefern, präsentieren einen Atom-Experten im Ostfriesen-Nerz nach dem anderen – aber immer von derselben Feldpostnummer: der der Gegner. Die haben Strahlenmessgeräte und Powerpoint-Präsentationen zur Hand und raunen von hundertfach erhöhten Messwerten, die ihnen jeder wirkliche Experte um die Ohren hauen würde.

Nie kommt einer der Geologen und Physiker zu Wort, die seit dreißig Jahren für Bundes- und Landesregierungen Gutachten über Gorleben erstellen; nie ein Bundesbeamter, der die einzelnen Erkundungsschritte beantragt hat, nie ein Landesbeamter, der die Anträge und Gutachten geprüft und Genehmigungen ausgestellt hat.«

(FAZ.NET: „Atom-Experten“: Protest und Prozeduren)

4 thoughts on “Spezialexperten (2)

  1. Mich würde schon mal eine Physikerin als Kanzlerin oder wenigstens als Umweltministerin freuen, die würde dann wenigstens als Frau, und als Frau vom Fach nicht mit unserer aller Zukunft Russisch Roulett spielen … ach, haben wir?

    1. Ahh, Sparring. Nun denn:

      Keiner, der heute in einem Blog für Erwachsene kommentiert, dürfte eine Zukunft von mehr als 100 Jahren vor sich haben. Unsere Welt ist mit zunehmender Industrialisierung und gesellschaftlichem Fortschritt so sicher geworden, dass unsere größte Zukunftssorge darin besteht, auf wieviel Wohlstand wir im Alter wohl verzichten müssen, wenn wir uns auf die staatliche Rente verlassen. Wir sind weniger Gefahren denn je ausgesetzt, woran die flächendeckende verlässliche Energieversorgung einen großen Anteil hat. Es gibt objektiv genau gar keine Anzeichen dafür, dass jemand mit unserer Zukunft Russisch Roulette spielte.

      Freilich wird es in diesen hundert Jahren unerwartete Ereignisse mit vielen Opfern geben. Aber mir genügt es völlig, wenn wir sie nicht zielsicher und vorsätzlich herbeiführen. Ausschließen können wir sie nicht, durch keine Form des Wohlverhaltens.

  2. Jeder, der in 100 Jahren lebt, dürfte wiederum einer Generation angehören, die über Generationen hinweg gelernt haben müsste, das die Fehler der jeweils vorangegangenen durch Fortschritt der eigenen Generation kompensiert werden muss.

    In “unserer Welt” wiederum “flächendeckenden verlässliche Energieversorgung” als gegeben zu bezeichnen ist eine geschickte platzierte Nebelkerze, ist doch die Gegenwart die in der um besagte Zukunft Russisch Roulette gespielt wird.

    In dieser Gegenwart sind von Atomkraft ausgehenden Risiken seriös nicht berechenbar – wie im übrigen auch Chancen und Gefahren demographischer Entwicklung. Bezifferbar sind gesteigerte Krebsraten, die bei 30 Stunden einen Castor in Gorleben bewachenden Polizisten dem eines 30 Jahre in Biblis Dienst tuenden und dessen wiederum die einer ganzen Hundertschaft in Wuppertal übertreffend dürfte, grob geschätzt. Halbwertzeiten gehören ebenso zu den mit einiger Gewissheit abzählbaren konkreten Problemen, doch sie spielen bei konservativer Risikoeinschätzung ebensowenig eine Rolle wie ein Erdbeben beim Roulette: Die Eintrittswahrscheinlichkeit ist ja soooooooo gering.

    Vielleicht sollte sich mal jemand die Mühe machen, der so sagenhaft niedrigend Eintrittswahrscheinlichkeit für den Supergau mal eine für niederklassiger aber meldepflichtiger Zwischenfälle gegenüberzustellen. Die dürften bei einer angeblich nahezu risikofreien Technologie auch seeeeeeehr sehr gering sein, und dem Stehen pro Reaktor streistellige Fallzahlen gegenüber. Damit wäre der Augenwischerei “1 Supergau alle paar Millionen Jahre” der Nährboden entzogen.

    Und in hundert Jahren muss mit meiner zu Anfang skizzierten Generationenungerechtigkeit weniger technisch-unternehmerischer (wie zu Zeiten der industriellen Revolution und der der Wissens- und Informationsgesellschaft) denn (der hieraus zwangsläufig hervorgehende) gesellschaftlich-sozialer Fortschritt zu verstehen sein, denn bei allem Glauben an die Kraft der Innovation wird sich deren Grad doch irgendwann nivellieren. Dann beginnt entweder ein Zeitalter der Verteilungsgerechtigkeit – wir lassen Andere an “unserem” Fortschritt partizipieren, oder Verteilungskriege – zur unserer Sicherheit grenzen wir unseren Fortschritt, unseren Wohlstand, unsere satten Energiereserven ab. Und das vor Ort, von prosperierendem IT-Standort neben dem Villenviertel zum sozialen Brennpunkt, bis global, zwischen Nationen.

    1. In dieser Gegenwart sind von Atomkraft ausgehenden Risiken seriös nicht berechenbar – wie im übrigen auch Chancen und Gefahren demographischer Entwicklung.

      Doch doch, das sind sie: wir werden alle sterben, und höchst selten wird die Nutzung der Kernkraft daran schuld sein.

      Bezifferbar sind gesteigerte Krebsraten, die bei 30 Stunden einen Castor in Gorleben bewachenden Polizisten dem eines 30 Jahre in Biblis Dienst tuenden und dessen wiederum die einer ganzen Hundertschaft in Wuppertal übertreffend dürfte, grob geschätzt.

      Worauf stützt sich diese Schätzung und wie könnte man sie für seriös halten, wo Risiken angeblich nicht seriös zu berechnen seien? Du darfst Dich ja gerne vor dem Atom fürchten, aber solange Du es wie oben rhetorisch zwischen Nessie und dem Yeti platzierst und von unfassbaren Dingen raunst, hat Deine Schätzung den Wert eines verwaschenen Fotos der letzten Sichtung.

      Vielleicht sollte sich mal jemand die Mühe machen, der so sagenhaft niedrigend Eintrittswahrscheinlichkeit für den Supergau mal eine für niederklassiger aber meldepflichtiger Zwischenfälle gegenüberzustellen.

      Zu welchem Zweck?

      … Generationenungerechtigkeit …

      Es gibt keine Generationengerechtigkeit.

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