Risiken aushalten

Wissenschaftler haben ein Vogelgrippevirus gebaut, mit dem man Leute umbringen könnte. Jetzt gibt es Forderungen, die gewonnenen Erkenntnisse zurückzuhalten, um sie nicht in falsche Hände gelangen zu lassen, sowie den unvermeidlichen Protest dagegen. Wir Security-Heinis können angesichts der Debatte nur gepflegt mit den Schultern zucken: Natürlich soll man’s veröffentlichen wie jede andere Wissenschaft auch. Dass wir das so sehen, hat zwei Gründe. Zum einen haben wir ähnliche Diskussionen schon oft geführt, wenn es um den Umgang mit Wissen über Sicherheitslücken ging. Zum anderen haben wir realistische Vorstellungen davon, welch geringen Sicherheitsgewinn die Nichtveröffentlichung verspricht.

Steven Bellovin zieht Parallelen zur Atombombenforschung in den 40er Jahren und vermutet, dass die erkennbare Geheimhaltung der Amerikaner den Sowjets signalisiert hat, dass was im Busch ist. Als weiteres Beispiel  führt er Versuche der NSA an, die öffentliche Kryptographie-Forschung zu behindern und argumentiert, dass die nationale Sicherheit Amerikas letzlich von der breiten Verfügbarkeit starker Kryptographie profitiert. Bellovin argumentiert außerdem, dass so eine Genmanipulationsgeschichte im Vergleich zu anderen verfügbaren Terrorwaffen viel zu kompliziert und aufwändig sei.

Dan Geer bringt den begrenzten Nutzen einer Nichtveröffentlichung auf den Punkt:

»Does anyone in this room think that the computers of, in this case, the University of Wisconsin at Madison or the Erasmus Medical Centre in Rotterdam have not already been plundered for the research we are now trying to suppress? Even if they had not been plundered before, as soon as the “do not publish”
directive hit the press those whose job it is to aim cyberattacks at high value targets hit the ground running.«

Wer Informationen vor interessierten Staaten oder fähigen Terroristen schützen möchte, muss sich richtig anstrengen, zumal wenn es so interessant ist, dass darum eine Debatte entbrennt. Etwas nicht zu veröffentlichen ist nur ein passiver Schutz, dann bekommt niemand die Information frei Haus geliefert. Wer etwas wirklich geheimhalten will, muss das Geheimnis aber aktiv schützen. Und selbst dann bestünde der maximale Gewinn der Verteidiger in einer Zeitverzögerung beim Gegner. Was zwei Labors aufbauend auf dem Stand der Forschung geschafft haben, kriegt früher oder später auch ein drittes hin. Gleichzeitig würde das Zurückhalten der Ergebnisse Arbeiten behindern, die zu wirksamen Gegenmaßnahmen gegen eine hypothetisch daraus entwickelte Biowaffe führen könnten. Das wäre ein Eigentor.

Ob das Virus überhaupt zur Biowaffe taugt, ist auch noch offen. Waffen zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie beliebig gefährlich sind, sondern dadurch, dass man ihre Gewalt kontrolliert anwenden kann. Sogar Selbstmordattentäter suchen sich Ziele, statt wild in der Gegend herumzuexplodieren. Damit etwas zur Waffe wird, muss es deshalb die Möglichkeit bieten, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Neue Waffen müssen ferner in irgendeiner Hinsicht besser sein als die alten, damit sie sich durchsetzen, da funktionieren Terror und Krieg ganz marktwirtschaftlich.