Zwei Karten, zwei Philosophien

Ich bekomme eine neue Smartcard. Ausgestellt von der Fraunhofer-PKI, kann ich mit der Karte E-Mail und anderes verschlüssel und signieren sowie Urlaub beantragen, Besprechungsräume reservieren und meine Arbeitsstunden auf Projekte buchen. Zur Karte gehört ein Passwort, falls ich sie mal verliere, und aufgedruckt trägt sie ein Jugendfoto meiner selbst.

Ich besitze schon so eine Karte, sie funktioniert auch, doch die PKI möchte mir eine neue ausstellen. Das ist ein komplizierter Vorgang. Ich bekomme einen PIN-Brief, dann muss ich die Karte abholen und dabei einen amtlichen Lichtbildausweis vorzeigen. Vermutlich werde ich auch unterschreiben müssen, dass ich die neue Karte erhalten habe. Alles muss sehr sicher sein, sonst könnte womöglich jemand in meinem Namen Räume reservieren oder Urlaub beantragen.

Von meiner Bank bekam ich vor einigen Tagen ebenfalls eine neue Smartcard. Mit dieser Karte kann ich einkaufen und Geld abheben. Sie kam mit der Post, lag einfach im Briefkasten. Meine bisherige PIN glt auch für die neue Karte.

Die eine Karte steht für ein System, das besonders sicher sein möchte und stattdessen besonders bürokratisch ist. Die rechtsverbindliche elektronische Signatur hat sich deswegen im Alltag nie durchgesetzt, die eID-Funktion des neuen Personalausweises bislang auch nicht. Entworfen hat man Technik und Rechtskonstrukte, keine Anwendungen.Der primäre Zweck besteht darin, in einem formalen Sinn sicher zu sein.

Die andere Karte repräsentiert eine Dienstleistung: Zahlungsverkehr in verschiedenen Ausprägungen. Eine Plastikkarte als Mittel dazu ist praktisch; dass später Magnetstreifen und Chips hinzukommen würden, ahnte man bei der Erfindung des Plastikgeldes noch nicht. Die begleitenden Prozesse bleiben unbürokratisch, sie sind pragmatisch gestaltet. Nicht formale Sicherheit ist das Ziel, sondern akzeptable Risiken.

P.S.: Diese Woche ist Smartcard-Workshop.

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