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Was heißt hier „cyber“?

Die Cyberwehr dient Neuland. Was heißt das?

Seit einigen Jahren und erst recht seit der Ankündigung des Verteidigungsministeriums, die Bundeswehr um das eben aufgestellte Kommando Cyber- und Informationsraum (KdoCIR) als neue Teilstreitkraft zu erweitern, reden alle vom Cyberkrieg. Die Online-Armee soll „Waffensysteme und Computernetze der Bundeswehr schützen, aber auch zu Angriffen in der Lage sein.“

Konkreter wird die öffentliche Diskussion selten. Von hackenden Russen und Chinesen (Spy vs. Spy?) – seltener: Amerikanern et al. – mit staatlichem Auftrag ist öfter die Rede und gelegentlich erinnert jemand an Stuxnet als erste „Cyberwaffe“. Was, wenn jemand so eine Cyberwaffe gegen kritische Infrastrukturen wie die Wasser- oder Energieversorgung unseres Landes einsetzt? Müssen wir da nicht zurückschlagen können?

Jetzt haben wir also eine Cyberwehr, die irgendwas mit Internet, Hacking und IT-Sicherheit macht, auch offensiv und im Ausland, um uns vor sowas zu beschützen. Wann braucht sie dafür ein Bundestagsmandat oder Routingrechte für die Cyber- und Informationsräume anderer Staaten? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Angriff und Verteidigung? Ergeben solche Fragen überhaupt einen Sinn und was unterscheidet das Cybermilitär von der Security-Abteilung eines Unternehmens?

Die öffentliche Berichterstattung und Diskussion wirft munter verschiedene Dimensionen des Themas durcheinander. Ich sehe mindestens drei verschiedene Aspekte:

  1. „Cyber“ als IT-Betrieb und Sicherheitsmanagement, wie wir sie kennen: Jede Organisation muss sich um den sicheren Betrieb und das Sicherheitsmanagement ihrer vernetzten Systeme kümmern, so auch die Bundeswehr. Das ist in erster Linie eine Admin- und Abwehraufgabe und für eine Armee die Ausdehnung von Wachdienst und Spionageabwehr ins Internet sowie auf die militärischen Kommunikationssysteme und die IT der Waffensysteme. Bundestagsmandate braucht man dafür so wenig wie für das zivile Gegenstück nach BSI-Kompendium. Soldaten braucht man dafür auch nur bedingt; die Bundeswehr könnte auch einen IT-Dienstleister beauftragen.
  2. „Cyber“ als Erweiterung des Waffenarsenals und Operationsraums: Im Rahmen militärischer Einsätze werden zusätzlich oder alternativ zu herkömmlichen Waffen auch „Cyberwaffen“ eingesetzt, das heißt das Ziel der Operation wird auch durch Eingriffe in Netze und IT-Systeme verfolgt. Statt Bomben auf Kraftwerke zu werfen, könnte die Truppe beispielsweise versuchen, den Strom im Operationsgebiet mit anderen Mitteln abzuschalten. Für solche Einsätze braucht die Bundeswehr ohnehin ein Mandat.
    Abzuwarten bleibt, wie gut „Cyberwaffen“ in diesem Zusammenhang wirklich funktionieren. Kanonen, Gewehre, Geschosse und Bomben haben den Vorteil, im Kern sehr einfachen Funktionsprinzipien zu folgen. Sie lassen sich massenhaft herstellen und unter Feldbedingungen flexibel gegen verschiedene Ziele einsetzen. Ob es eine gute Idee ist, die Energieversorgung zu hacken, statt ein Kommando ins oder Bomber übers Kraftwerk zu schicken, wird sich zeigen.
  3. „Cyber“ als neuer Raum für Konflikte geringer Intensität: Die Informationstechnik ermöglicht auch neuartige Aktionsformen unterhalb der Schwelle zum offenen militärischen Konflikt. Stuxnet ist das prominenteste Beispiel: Ein Staat verfolgt Ziele im Ausland durch Eingriffe in fremde IT-Systeme. Solche Operationen haben eher einen geheimdienstlichen als einen militärischen Charakter.
    Solche Operationen sind neu und international gibt es damit wenig Erfahrung, deshalb stellen sich hier die interessanten Fragen: Was ist ein militärischer Angriff, was nur ein unfreundlicher Akt? Welche Ziele sind legitim, welche Antworten angemessen? Und wie findet überhaupt heraus, wer der Angreifer war? Aufgrund der geheimdienstlichen Natur solcher Operationen wäre die Forderung nach einem vorher zu erteilenden spezifischen Bundestagsmandat kontraproduktiv. Stuxnet illustriert all diese offenen Fragen.

Um qualifiziert und zielführend zu diskutieren, müssen wir uns auf klare gemeinsame Begriffe einigen. Wenn Euch jemand vollcybert oder von hybriden Bedrohungen schwätzt, dann fragt ihn also erst einmal, wovon er eigentlich redet. Denkt daran: „Cyber“ ist immer für eine Geschichte gut und nicht alle Geschichten stimmen auch.

(Getriggert von Holger Schauer bei G+)

PS: Thomas Wiegold erklärt nüchtern, was das KdoCIR tut. Außerdem gibt’s dort die Rede der Vercyberungsministerin zum Anhören und auszugsweise zum Nachlesen.

Vortrag: „Security by Design?“

Triggerwarnung: work in progress

Vergangene Woche durfte ich auf dem 1. IT-Grundschutztag 2017 zum Thema Security by Design? vortragen. Das Leitthema der Veranstaltung war Application Security und ich habe passend zu unserer Forschung einen Blick auf die Softwareentwicklung geworfen. Sichere Software ist leicht gefordert, aber die Umsetzung im Entwicklungsalltag bereitet Schwierigkeiten: In frühen Phasen der Entwicklung kämpft man mit Ungewissheit und es ist schwer, Entscheidungen zu treffen; später weiß man mehr, aber die Veränderung wird schwierig – nicht nur technisch, sondern auch in den Strukturen und Routinen des Entwicklerteams.

Der Vortrag entstand aus einer früheren Fassung, die ich gemeinsam mit Andreas Poller auf dem Workshop „Partizipatives Privacy by Design“ im vergangenen Oktober in Kassel gehalten habe. Aus Andreas’ Vortrag auf der CSCW’17 habe ich mir auch Slides geborgt.

Wer die Tonspur zu den Slides hören möchte: einfach fragen.

Besondere Arten personenbezogener Daten

Das Bundesdatenschutzgesetz hebt einige Arten personenbezogener Daten heraus und stellt sie an mehreren Stellen unter einen noch strengeren Schutz. Die Definition:

»Besondere Arten personenbezogener Daten sind Angaben über die rassische und ethnische Herkunft, politische Meinungen, religiöse oder philosophische Überzeugungen, Gewerkschaftszugehörigkeit, Gesundheit oder Sexualleben.« (§ 3 (9) BDSG)

Die Idee dahinter ist so einfach wie plausibel: Datenschutz geht nicht nur selbst aus den Grundrechten hervor, er soll auch vor Eingriffen in andere Grundrechte schützen.

Angela Merkel am Rednerpult auf einem CDU-Parteitag
(Quelle: CDU/CSU-Bundestagsfraktion, CC-BY-SA, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cdu_parteitag_dezember_2012_merkel_rede_04.JPG)

Was heißt das? Nehmen wir unsere Bundeskanzlerin als Beispiel. Dass sie Deutsche ist, der CDU nahesteht und sich zur evangelischen Spielart des christlichen Glauben bekennt, diese Angaben gehören zu den besonderen Arten personenbezogener Daten. Je nach Auslegung fallen diese Angaben vielleicht sogar hier im Blog unter das BDSG, immerhin ist ein Blog was mit Computern.

Nicht zu den besonderen Arten personenbezogener Daten gehören zum Beispiel ihre  Wohnanschrift oder die Vorratsdaten ihres privaten Mobiltelefons (deren Speicherung  allerdings eine eigene Rechtsgrundlage neben dem BDSG hat).

Ist das eine sinnvolle Risikorientierung des Datenschutzes? Fürs Individuum nicht unbedingt. Welche Daten welche Risiken implizieren, lässt sich im Einzelfall nicht an so einer Grobklassifikation festmachen. Im Fall der Kanzlerin gäbe es sicher so manchen, der sie gerne mal zu Hause besuchen würde (vor ungewollten Besuchen schützt sie freilich der Personen- und nicht der Datenschutz), und wann sie mit wem telefoniert, dürfte so manchen mehr interessieren als ihr religiöses Bekenntnis oder Aspekte ihres Lebenslaufs. Das bleibt so, wenn wir eine weniger im Licht der Öffentlichkeit stehende Person wählen; auch dann korrespondieren die individuellen Risiken nicht unbedingt mit den Datenarten nach BDSG.

Mehr Sinn ergeben die besonderen Arten personenbezogener Daten, wenn wir eine Kollektivperspektive annehmen. Eigentlich möchten wir erreichen, dass bestimmte Arten der Datenverarbeitung gar nicht versucht oder sehr erschwert werden, etwa ein Gesundheitsscoring durch Arbeitgeber als Grundlage für Einstellungs- und Kündigungsentscheidungen. Nicht ohne Grund ähneln die Kategorien aus § 3 (9) BDSG jenen des Antidiskriminierungsgesetzes AGG.

Gesellschaftliche Entwicklungen sind immer mit einem gewissen Konformitätsdruck auf Individuen verbunden. Die Kollektivperspektive gehört deshalb in den Datenschutz; individuelle Rechte sind nur dann etwas wert, wenn man sie auch praktisch ohne Nachteile ausüben kann. Dass sie dort auf den ersten Blick unpassend (und in manchen Ausprägungen paternalistisch) wirkt, liegt an der starken Grundrechtsbetonung. Datenschutz kommt als Grundrecht daher, das ich persönlich in Anspruch nehme. Die kollektive Klimapflege ist Voraussetzung dafür, aber der Zusammenhang ist nicht offensichtlich.

Security and protection systems guard persons and property against a broad range of hazards, including crime; fire and attendant risks, such as explosion; accidents; disasters; espionage; sabotage; subversion; civil disturbances; bombings (both actual and threatened); and, in some systems, attack by external enemies. Most security and protection systems emphasize certain hazards more than others. In a retail store, for example, the principal security concerns are shoplifting and employee dishonesty (e.g., pilferage, embezzlement, and fraud). A typical set of categories to be protected includes the personal safety of people in the organization, such as employees, customers, or residents; tangible property, such as the plant, equipment, finished products, cash, and securities; and intangible property, such as highly classified national security information or “proprietary” information (e.g., trade secrets) of private organizations. An important distinction between a security and protection system and public services such as police and fire departments is that the former employs means that emphasize passive and preventive measures.

(Encyclopædia Britannica)

Verbraucherschutz für #Neuland

Wieder einmal ist ein Programm damit aufgefallen, dass es dort, wo es installiert wird, die Umgebung vandalisiert. Kristian Köhntopp fasst das Problem anschaulich zusammen und die Kommentare unter seinem Post illustrieren, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Technisch kann man das Problem im Prinzip lösen, indem man einen vertrauenswürdigen Anbieter eine geschlossene Plattform betreiben lässt, die solche Programme verhindert beziehungsweise erkennt und ausschließt. Da stecken freilich einige Annahmen drin, die nicht unbedingt erfüllt sind.

Eigentlich handelt es sich jedoch um ein ökonomisches Problem, das nach einer ökonomischen Lösung schreit: “Moral hazard occurs under a type of information asymmetry where the risk-taking party to a transaction knows more about its intentions than the party paying the consequences of the risk. More broadly, moral hazard occurs when the party with more information about its actions or intentions has a tendency or incentive to behave inappropriately from the perspective of the party with less information.” — (Wikipedia: Moral Hazard)

Produkthaftung löst das Problem nicht unbedingt, sondern führt nur zur risikominimierenden Gestaltung von Firmengeflechten. Jedes Produkt bekommt eine eigene Wegwerffirma ohne nennenswertes Vermögen, die man im Krisenfall kostengünstig opfern kann. Dieses Modell ist auch im Security-Geschäft längst erprobt (Fallstudie: DigiNotar). Man müsste die Unternehmen zwingen, Rücklagen zu bilden und in einen Haftungsfond oder so etwas einzuzahlen. Kann man tun, passt aber besser zu Atomkraftwerken.

Zwangsweise hergestellte Transparenz bietet sich als Lösungsweg an. In #Altland haben wir dafür die Stiftung Warentest, aber die hat mit ihren Vergleichstests von Sonnencreme, Fahrradhelmen und Akkuscharubern schon genug zu tun. In #Neuland glaubte man früher, das Problem mit Positivzertifizierungen lösen zu können, die einem einzelnen Produkt definierte Sicherheitseigenschaften bescheinigen. Das funktioniert nur in Nischen gut. In jüngerer Zeit gesellen sich dazu allerlei Bug Bounties und Initiativen wie das Project Zero.

Wenn ich diese Ansätze frankensteine, komme ich auf eine unabhängige und solide finanzierte Europäische Stiftung IT-Sicherheit, die sich relevante Software näher anschaut und die Ergebnisse publiziert. Gegenstand ihrer Tätigkeit wären Consumer- und Massenprodukte, die sie auf Sicherheitsmängel und überraschende Funtionen prüft. Das Verschleiern von Funktionen müsste man vielleicht noch unter Strafe stellen, damit das funktioniert. Außerdem wird man sich überlegen müssen, wie die Tester ungehinderten Zugang zu SaaS bekommen. Das sind freilich Detailprobleme; erst einmal müssen wir grundsätzlich entscheiden, wie digitaler Verbraucherschutz jenseits von Seien Sie vorsichtig mit dem Internet aussehen soll.

(Geringfügig überarbeitete Fassung eines Posts auf Google+)

OMG, public information found world-readable on mobile phones

In their Black Hat stage performance, employees of a security company showed how apps on certain mobile phones can access fingerprint data if the phone has a fingerprint sensor. The usual discussions ensued about rotating your fingerprints, biometrics being a bad idea, and biometric features being usernames rather than passwords. But was there a problem in the first place? Let’s start from scratch, slightly simplified:

  1. Authentication is about claims and the conditions under which one would believe certain claims.
  2. We need authentication when an adversary might profit from lying to us.
  3. Example: We’d need to authenticate banknotes (= pieces of printed paper issued by or on behalf of a particular entity, usually a national or central bank) because adversaries might profit from making us believe  a printed piece of paper is a banknote when it really isn’t.
  4. Authentication per se has nothing to do with confidentiality and secrets, as the banknotes example demonstrates. All features that we might use to authenticate a banknote are public.
  5. What really matters is effort to counterfeit. The harder a feature or set of features is to reproduce for an adversary, the stronger it authenticates whatever it belongs to.
  6. Secrets, such as passwords, are only surrogates for genuine authenticating features. They remain bound to an entity only for as long as any adversary remains uncertain about their choice from a vast space of possible values.
  7. Fingerprints are neither usernames nor passwords. They are (sets of) biometric features. Your fingerprints are as public as the features of a banknote.
  8. We authenticate others by sets of biometric features every day, recognizing colleagues, friends, neigbours, and spouses by their voices, faces, ways of moving, and so on.
  9. We use even weaker (= easier to counterfeit) features to authenticate, for example, police officers. If someone is wearing a police uniform and driving a car with blinkenlights on its roof, we’ll treat this person as a police officer.
  10. As a side condition for successful attack, the adversary must not only be able to counterfeit authenticating features, the adversary must also go through an actual authentication process.
  11. Stolen (or guessed) passwords are so easy to exploit on the Internet because the Internet does little to constrain their abuse.
  12. Attacks against geographically dispersed fingerprint sensors do not scale in the same way as Internet attacks.

Conclusion: Not every combination of patterns-we-saw-in-security-problems makes a security problem. We are leaving fingerprints on everything we touch, they never were and never will be confidential.