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Erfolgsfaktoren für den Datenschutz durch Technikgestaltung

Die Forderung nach Datenschutz und Sicherheit „by Design“ ist schnell erhoben und gerade nach Sicherheitsvorfällen sieht rückblickend oft alles nach offensichtlicher Schlamperei aus, die man doch einfach hätte vermeiden können. Wer tatsächlich IT-Systeme gestaltet und dabei Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen berücksichtigen soll, steht jedoch einigen Problemen gegenüber. Zum Beispiel kann man zu viel Sicherheit anstreben und sich im Ergebnis selbst blockieren, wie es die Entwicklung der Gesundheitstelematik seit ungefähr anderthalb Jahrzehnten vorführt*, oder vor unmöglichen Entscheidungen stehen, weil es zu vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Datenschutz und Sicherheit auf der einen und allen übrigen Anforderungen und Entwurfsdimensionen auf der anderen Seite kommt. Beim Datenschutz kommt hinzu, dass anders als bei der Sicherheit Stakeholder und Angreifer zusammenfallen: Der Datenschutz beschränkt Handlungen, von denen Betreiber und Nutzer eines Systems profitieren.

Mit diesen Schwierigkeiten beschäftigt sich der Beitrag „Erfolgsfaktoren für den Datenschutz durch Technikgestaltung“ zur Konferenz „Die Fortentwicklung des Datenschutzes”, die Anfang November 2017 in Berlin stattfand. Er baut auf vorangegangenen Vorträgen (Was kommt nach „Security by Design“? Chancen der Partizipation im Software Engineering 2016 in Kassel und Security by Design? 2017 in Limburg auf. Im Konferenzband zur Tagung konnte unser Beitrag letztlich nicht erscheinen, da der Verlag über eine faire Rechteübertragung hinaus unannehmbare Forderungen an die Autoren erhob und zu Verhandlungen über die Konditionen nicht bereit war.

*) Großprojekte mit vielen Stakeholdern haben allerdings noch weitere Probleme neben dem Thema Sicherheit, an denen sie scheitern können.

Opt-out

Vor drei Monaten feierten Politiker und Datenschützer die Ende Mai 2018 wirksam gewordene EU-DSGVO, während Vereine und Kleinunternehmen über die damit verbundene Bürokratie stöhnten und nach Auswegen suchten. Bis auf einzelne Geschichten von Fotografierverboten und geschwärzten Kindergesichtern – in Deutschland heißt es nach wie vor: „Vorschrift ist Vorschrift!“ – war seither wenig zum Thema zu hören.

Jene, denen es mit der DSGVO angeblich hätte an den Kragen gehen sollen, allen voran die Online-Werbewirtschaft, können weiter ruhig schlafen. Sie haben einen Weg gefunden, ihre Interessen im Einklang mit der DSGVO-Bürokratie weiter zu verfolgen: Dark Patterns, unanständige Entwurfmuster. Die Gestaltung von Benutzerschnittstellen kann das Verhalten ihrer Benutzer beeinflussen, indem sie Handlungen und Vorgänge einfacher oder schwieriger macht, schneller oder zeitraubender, versteckter oder offensichtlicher, fehleranfälliger oder robuster. Das ist nicht per se falsch, denn Benutzerschnittstellen sollen sich den Benutzern erklären. Die Grenze zum Dark Pattern ist schwer zu definieren, aber sie ist klar überschritten, wo eigennützige Manipulationsabsichten offensichtlich werden.

Dieses Video zeigt ein Beispiel:

Websites arbeiten mit Werbenetzen, Analytics-Diensten und anderen Dienstleistern zusammen, die das Benutzerverhalten beobachten und auswerten. Über diese Verarbeitung muss jeder Nutzer in der Regel selbst entscheiden können. Das Video zeigt, wie eine offensichtlich interessengeleitete Gestaltung der Benutzerschnittstelle in der Praxis funktioniert – man müsste eine Viertelstunde im Web herumklicken, ohne am Ende zu wissen, was es gebracht hat. Ebenso weit verbreitet sind Zwangsfunktionen, welche die Nutzung von Websites verhindern oder erschweren, bis man in irgend etwas „eingewilligt“ hat.

Vermutlich ist diese Gestaltung nicht legal, doch bislang ist dazu vom organisierten Datenschutz wenig zu hören – er ist unter einer Welle von Anfragen zur DSGVO zusammengebrochen. Überraschend kommt diese Entwicklung allerdings nicht. Zum einen ist die formale Einhaltung von Vorschriften bei gleichzeitiger Optimierung auf die eigenen ökonomischen Interessen die typische Reaktion von Unternehmen auf Compliance-Vorschriften. Wer beispielsweise Geld anlegen möchte, muss seiner Bank heute hundert Seiten Papier unterschreiben – angeblich zu seinem Schutz, tatsächlich jedoch, damit die Bank unter allen denkbaren Umständen über genügend Dokumente verfügt, um sich aus der Affäre zu ziehen und ihre Hände in Unschuld zu waschen („Rechtssicherheit“).

Zum anderen passt das Interaktionsparadigma des Datenschutzes – eine Art Vertragsschluss bei Beginn der Verarbeitung – nicht dazu, wie das Internet funktioniert. Wir emittieren heute permanent Daten in den Cyberspace und die Idee, diese Emission über Verfügungen pro Interaktionskontext zu regeln, führt nicht zu tragfähigen Lösungen. Was man wirklich einmal regeln müsste, wären die Interaktion und die Machtverhältnisse im Web.

Digitaler Umweltschutz?

In der Süddeutschen fordert Adrian Lobe einen digitalen Umweltschutz und argumentiert dabei mit Datenemissionen. Das ist mir im Ansatz sympathisch, weil ich die Vorstellung der permanenten Datenemission für ein geeigneteres Modell der heutigen Datenverarbeitung halte. Andererseits geht mir jedoch seine Ausweitung des Gedankens auf eine Analogie zu Emissionen im Sinne des Umweltschutzes zu weit.

Unabhängig davon, was wir insgesamt von der personenbezogenen Datenverarbeitung halten und welche Schutzziele wir im Einzelnen verfolgen, brauchen wir als Grundlage ein passendes Modell davon, wie Daten entstehen, fließen und verarbeitet werden. In dieser Hinsicht beschreibt das Emissionsmodell die heutige Realität besser als die Begriffe des traditionellen Datenschutzes, die auf das Verarbeitungsparadigma isolierter Datenbanken gemünzt sind.

Der klassische Datenschutz in der Tradition des BDSG (alt) ist begrifflich und konzeptionell eng an die elektronische Datenverarbeitung in isolierten Datenbanken angelehnt. Daten werden „erhoben“ (jemand füllt ein Formular aus) und sodann „verarbeitet“, das heißt gespeichert, verändert, übermittelt gesperrt oder gelöscht, sowie vielleicht sogar „genutzt“ (diesen Begriff verfeinert das alte BDSG nicht weiter).

Diese Vorstellungen passen nicht zu einer Welt, in der jeder ein Smartphone in der Tasche hat, das permanent Daten in die Cloud sendet. Sie passen nicht einmal dazu, dass einer die Adresse und Telefonnummer eines anderen in der Cloud speichert. Aus dem Konflikt zwischen der veralteten Vorstellung und der heutigen Realität resultieren regelmäßig Blüten wie der Hinweis des Thüringer Datenschutzbeauftragten, die Nutzung von WhatsApp sei rechtswidrig, die den Datenschutz als realitätsfern dastehen lassen.

Mit dem Emissionsmodell bekommen wir eine neue Diskussionsgrundlage, die näher an der tatsächlichen Funktionsweise der Datentechnik liegt. Wenn wir die Schutzziele des Datenschutzes auf dieser Grundlage diskutieren, finden wir eher praktikable und wirksame Maßnahmen als auf der Basis veralteter Vorstellungen. Das ist die positive Seite des Emissionsgedankens.

Die negative Seite zeigt sich, wenn man den Gedanken zu weit treibt und daraus eine Analogie zu Emissionen im Sinne des Umweltschutzes macht. Das ist zwar verführerisch – wenn ich mich richtig erinnere, haben wir diese Frage beim Schreiben von „Emission statt Transaktion“ auch diskutiert – aber ein rückwärtsgewandter Irrweg.

Ein entscheidender Unterschied zwischen Umwelt- und Datenemissionen liegt darin, dass Umweltemissionen eine zwangsläufige Wirkung haben: Im verschmutzten Fluss sterben die Fische, Kohlendioxid ändert das Klima und Plutonium im Tee macht krank. Nach der Freisetzung lässt sich die Wirkung nur noch durch eine – meist aufwändige – Sanierung steuern und unter Umständen nicht einmal das.

Daten haben diese zwangsläufige Wirkung nicht. Wie wir miteinander und wie Organisationen mit uns umgehen, können wir unabhängig von Daten regeln. Wenn wir zum Beispiel Diskriminierung verbieten und dieses Verbot wirksam durchsetzen, dann kommt es auf die verwendeten Mittel nicht mehr an – was eine Organisation weiß, ist egal, denn sie darf damit nichts anfangen.

Dem traditionellen Datenschutz ist diese Perspektive jedoch fremd, denn er verfolgt das Vorsorgeprinzip für den Umgang mit epistemischen Risiken: Wenn wir die Gefahren von etwas noch nicht gut genug verstehen, um sie quantifizieren zu können, lassen wir besser sehr große Vorsicht walten. Dieser Gedanke ist im Umweltschutz weit verbreitet und bezieht seine Berechtigung dort aus dem Maximalschadenszenario der Zerstörung unserer Lebensgrundlage. Selbst mit dieser Drohung im Gepäck bleibt das Vorsorgeprinzip freilich umstritten, denn epistemische Ungewissheit über Gefahren impliziert auch Ungewissheit über die Kosten und Auswirkungen von Vorsichtsmaßnahmen.

Im traditionellen Datenschutz – der, ob Zufall oder nicht, etwa zeitgleich mit dem Erstarken der Umwelt- und Anti-Atomkraft-Bewegung entstand – finden wir diesen Vorsorgegedanken an mehreren Stellen: in der Warnung des Bundesverfassungsgerichts im Volkszählungsurteil vor einer Gesellschafts- und Rechtsordnung, „in der Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß“, im grundsätzlichen Verbot der Verarbeitung personenbezogener Daten, das nur ausnahmsweise durch eine Rechtsvorschrift oder die Erlaubnis der Betroffenen aufgehoben werde, sowie in der Forderung nach Datenvermeidung und Datensparsamkeit.

All dem liegt die Vorstellung zugrunde, die Speicherung und Verarbeitung personenbezogener Daten sei mit unschätzbaren Gefahren verbunden und daher nur äußerst vorsichtig zu betreiben. Allerdings wissen wir heute, dass man damals so manche Gefahr grob überschätzte. So warnte das Verfassungsgericht weiter: „Wer unsicher ist, ob abweichende Verhaltensweisen jederzeit notiert und als Information dauerhaft gespeichert, verwendet oder weitergegeben werden, wird versuchen, nicht durch solche Verhaltensweisen aufzufallen“, und: „Freie Entfaltung der Persönlichkeit setzt unter den modernen Bedingungen der Datenverarbeitung den Schutz des Einzelnen gegen unbegrenzte Erhebung, Speicherung, Verwendung und Weitergabe seiner persönlichen Daten voraus.“ Das war zu kurz gedacht – heute zelebrieren viele von uns ihre abweichenden Verhaltensweisen in der Öffentlichkeit von Twitter, Facebook, Instagram und YouTube und träumen dabei von einer Karriere als Influencer.

Heute leben wir in jener Welt, vor der das Verfassungsgericht einst warnte, genießen ihren großen Nutzen und spüren nur geringe Schmerzen. Von den befürchteten Gefahren für die freie Entfaltung er Persönlichkeit ist wenig zu sehen. Zudem können wir inzwischen ganz gut einschätzen, welche Gefahren bestehen und was man dagegen zu welchem Preis tun kann. Der Vorsorgegedanke ist damit überholt und deshalb passt die Analogie zum Umweltschutz nicht so gut. Andererseits ist der Umweltschutz nicht nur Vorsorge, sondern beinhaltet auch die risikoorientierte Gefahrenabwehr und in dieser Hinsicht mag man sich an ihm als Vorbild orientieren.

Diebstahlschutz durch Technikgestaltung: Metallsparsamkeit

Geländerverzierung kein Metall!
Diebstahlschutz durch Materialwahl und Information

Gegenstände aus Metall werden gerne gestohlen, weil sie sogar als Schrott noch einen Wert haben. Um diesem Risiko zu begegnen, hat man bei der Erneuerung zweier Fußgängerbrücken auf größere Metallteile verzichtet und sie durch ähnlich aussehende alternative Materialien ersetzt. Man könnte analog zur Datensparsamkeit von Metallsparsamkeit sprechen und die Idee ist dieselbe – was nicht da ist, kann nicht geklaut werden. Das Hinweisschild soll vor dem sekundären Risiko schützen, dass jemand nicht so genau hinschaut, bevor der Teile abschraubt.

Metallsparsamkeit ist einfach, wenn es wie hier nur um Verzierungen geht, die keinen technischen Zweck erfüllen. In diesem Fall schränken nur wenige andere Anforderungen die Materialwahl ein. Die Verzierungen eines Brückengeländers müssen gut aussehen und den parktypischen Belastungen – Wind, Wetter, Vogelkacke, turnenden Kindern, übermütigen Jugendlichen usw. – widerstehen, das ist alles.

Schwieriger wird die Metallsparsamkeit, wenn das Material weiter Anforderungen erfüllen muss. Ein Fahrrad zum Beispiel lässt sich noch so einfach aus alternativen Materialien fertigen. Ein Fahrrad muss leicht sein, typischen Belastungen standhalten und sich zu Kosten unterhalb des Verkaufspreises fertigen lassen. Zwar lassen sich einige Teile aus alternativen Materialien fertigen, namentlich Rahmen und andere Teile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff, aber zu deutlich höheren Kosten und mit weiteren Nachteilen. Ein Fahrrad nur zum Diebstahlschutz  aus alternativen Materialien zu fertigen, kommt deswegen nicht in Frage.

Massenhafte Individualmanipulation ist viel zu teuer

Der aktuelle Skandal um Facebook und Cambridge Analytica ist gar nicht so neu. Die Geschichte von der psychometrischen Wahlkampfbeeinflussung geistert schon länger durch die Medien. Ganz knapp lautet die Erzählung: Jemand verwendet Daten aus Quellen wie Facebook, um Persönlichkeitsprofile von Wählern zu erstellen, und nutzt diese Profile zur gezielten Beeinflussung.

Das ist eine wunderbare Gruselgeschichte, aber nicht besonders plausibel. Zweifel an der Effektivität wurden bereits vor einem Jahr laut und auch im Zuge der aktuellen Diskussion sieht so mancher mit Ahnung mehr Angeberei als reale Fähigkeiten. Zu recht, denn die Geschichte von der Manipulation durch Persönlichkeitsprofile passt besser zu naiven Vorstellungen als zum real existierenden Internet. Sie ergibt ökonomisch keinen Sinn.

Individuen wählen bereits ohne Nachhilfe aus den verfügbaren Informationen diejenigen aus, die zu ihrem Weltbild passen. Bestätigungsfehler nennt man das – wir richten unsere Überzeugungen nicht nach rational abgewogenen Argumenten, sondern wir legen uns zu unseren Überzeugungen die passenden Argumente zurecht und ignorieren, was ihnen widerspricht. Diesen Effekt könnt Ihr beispielsweise in jeder Diskussion über Fahrradhelme beobachten, wo nie jemand seine Ansichten ändert. Das ist natürlich in dieser Form etwas übertrieben, denn nicht alle Ansichten sind fest gefügt und etwas Spielraum für erfolgreiche Überzeugungsarbeit bleibt.

Wenn sich jeder zu seinem Weltbild die bestätigenden Inputs sucht und inkompatible Aussagen verwirft, gibt es keinen Grund, Kampagnen aufwändig an individuelle Ansichten und Vorlieben anzupassen. Man kann einfach alle mit allen Botschaften in allen möglichen Versionen zuschütten, selbst wenn man eigentlich nur auf ein paar Zweifler und Wankelmütige zielt. Nichts anderes geschieht in einem klassischen Wahlkampf oder auch bei herkömmlicher Werbung.

Dass man dennoch bei jeder Werbung, ob politisch oder nicht, eine Optimierung durch Targeting versucht, hat vor allem einen ökonomischen Hintergrund. Ein Werbekontakt, der von vornherein ohne Erfolgschance beibt, weil das Ziel am Inhalt kein Interesse hat, ist rausgeworfenes Geld. Man wird deshalb versuchen, absehbar überflüssige Werbekontakte zu vermeiden.

Bei einem Plakat am Straßenrand geht das nicht. In den herkömmlichen Medien kann man sich an der Demografie der Konsumentinnen orientieren und seine politische Werbung wahlweise in der FAZ, der taz, dem Neuen Deutschland oder dem Bayernkurier schalten und damit grob verschiedene Zielgruppen ansprechen. Außerhalb der Politik tun Zeitschriftenverlage nichts anderes als zielgruppenspezifische Werberahmenprogramme zu gestalten, etwa Computermagazine für Anfänger, Fortgeschrittene und Profis, Automagazine, Sportzeitschriften (getrennt nach Sportarten) und so weiter.

Absehbar überflüssig ist statistisch gesehen alle Werbung – die Reaktionsraten bleiben, Optimierung hin oder her, verschwindend gering. Das dürfte ähnlich auch für Beeinflussungsversuche gelten, die im Gewand von Nachrichten oder Gerüchten daherkommen (Test: Wer von Euch ist so leichtgläubig, dass er sich von plumpen Fake News beeinflussen ließe?). Weiter optimieren als mit einer groben Zielgruppensegmentierung lässt sich herkömmliche Werbung jedoch kaum, ohne dass der Aufwand zu groß würde.

Das Internet erlaubt in dieser Situation einen neuen Optimierungsansatz. Man kann hier mit geringen Kosten nahezu alle ansprechen – und aus den Reaktionen in Form von Klicks ersehen, wer für welche Ansprache anfällig ist. Cormac Herley hat sich unter dem Gesichtspunkt der IT-Sicherheit mit solchen Ansätzen beschäftigt und unter anderem dieses Paper veröffentlicht: „Why do Nigerian Scammers Say They are from Nigeria?“. Darin beschreibt er am Beispiel der Betrugsmasche der Nigeria Connection genau diesen interaktiven Ansatz. Die Betrüger streuen breit ihre absurde Geschichte von herrenlosen Millionen, die man außer Landes bringen wolle, und beschäftigen sich dann einzeln mit den wenigen Trotteln, die blöd genug sind, darauf einzugehen.

Der Schlüssel zum Erfolg ist hier die Interaktion. Man durchleuchtet nicht ganz viele Menschen, um dann auf die passende Weise mit ihnen zu reden, sondern man versucht es bei allen und lernt aus den Reaktionen.

Mit einer ähnlichen Methode kann man Werbung gezielter verbreiten und ihre Erfolgsraten – im Rahmen der bescheidenen Möglichkeiten – optimieren. Dazu misst man, welche Werbung in welchem Kontext (Website, Inhalt, Nutzergruppe, Uhrzeit usw.) wie oft angeklickt wird, und optimiert die Auswahlkriterien anhand dieser Daten. Werbenetze tun so etwas, optimieren aber nicht stur die Klickrate, sondern ihre daraus resultierenden Einnahmen.

Dabei müssen sie gar nicht besonders persönlich werden. Im Gegenteil, über einzelne Nutzer erfährt man auch aus all ihren Facebook-Daten zu wenig, um individuelle Voraussagen über so ungewisses Verhalten wie die Reaktion auf eine Werbung oder Nachricht vorhersagen zu können. Hingegen erfährt man aus der wiederholten Einblendung einer Anzeige in verschiedenen Situationen nach und nach, unter welchen Umständen diese Anzeige häufiger oder weniger häufig Reaktionen hervorruft.

Ökonomisch nicht plausibel ist demgegenüber die Vorstellung, man könne ohne weiteres zwei Elemente kombinieren: die Skalierbarkeit einer Massenansprache mit sehr geringen Kosten pro Einzelfall und die individuelle Beeinflussung nach ausgefeilten Kriterien. Unabhängig davon, welche Daten ein Laden wie Cambridge Analytica über Menschen hat, kann er nicht zu geringen Kosten Millionen individuell zugeschnittener Botschaften entwerfen. Andererseits braucht man die ganze schöne Psychometrie überhaupt nicht, wo man Reaktionen messen und sie statistisch mit vielfältigen Parametern in Beziehung setzen kann. Deswegen ist die Erzählung von der massenhaften individualisierten Manipulation ökonomischer Blödsinn.

Beschränkter Horizont

Die Forderung nach Ende-zu-Ende-Sicherheit für das besondere elektronische Anwaltspostfach (beA) und andere Dienste geht auf missverstandene Anforderungen und eine eingeschränkte Sicht auf den Lösungsraum zurück. Die missverstandene Anforderung liegt in der Vorstellung, der rechtlicher Schutz der Kommunikation verlange nach technischen Garantien. Die eingeschränkte Sicht auf den Lösungsraum berücksichtigt nur ausgewählte technische Mechanismen, deren Wirkung sie überschätzt, und lässt andere Aspekte des Risikomanagements außer Acht.

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Die Befürworter der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung argumentieren, der Schriftverkehr von Rechtsanwältinnen sei besonders sensibel und man müsse ihn deshalb technisch besonders gut vor unbefugter Kenntnisnahme schützen. Die besondere Sensibilität mag man annehmen, wenngleich das beA nicht der Kommunikation zwischen Anwältinnen und ihren Mandantinnen dient, sondern dem Schriftwechsel zwischen Anwältinnen und Gerichten sowie der Anwältinnen untereinander. Jedoch steht die Telekommunikation ganz allgemein unter rechtlichem Schutz durch das Telekommunikationsgeheimnis. Selbst wer sie abhören könnte, darf dies nicht und wird andernfalls verfolgt und bestraft.

Ein wirksamer rechtlicher Schutz macht kann technische Maßnahmen überflüssig machen. Umgekehrt sind individuelle Schutzmaßnahmen dort nötig, wo keine Hilfe zu erwarten ist. Im Alltag verstehen wir das auch und verzichten zum Beispiel meist darauf, unsere leicht verwundbaren Körper besonders gegen Angriffe zu schützen. Wir wissen, dass die Wahrscheinlichkeit eines körperlichen Angriffs gering ist, denn dafür sorgen Polizei und Justiz. Anders verhalten sich etwa Menschen in Kriegsgebieten, die mit solchem Schutz nicht rechnen können.Im Spektrum zwischen diesen Extremen gibt es Mischlösungen, deren Schwerpunkt auf der einen oder anderen Seite liegt. Das Ziel ist letztlich ein akzeptables Restrisiko, ganz gleich mit welchen Mitteln es erreicht wird.

Die Motivation für technische IT-Sicherheit entspringt der eingeschränkten Möglichkeit zur Strafverfolgung im Netz. Zwar gelten Gesetze auch online, doch können sich Täter leichter verstecken und selbst bekannte Täter entgehen der Verfolgung, wenn sie im Ausland sitzen. Ganz ohne Sicherheitstechnik wird ein Anwaltspostfach also nicht auskommen. Allerdings muss man sich sowohl den Schutzbedarf als auch die Sicherheitsstrategie genauer anschauen.

Interessanterweise haben Juristen in dieser Hinsicht realistischere Vorstellungen als Hacker, die perfekte Sicherheit fordern. Juristen gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass man Sicherheitsanforderungen nicht überspitzen darf. Das Schutzniveau soll dem alternativer Kommunikationsmittel wie Telefax und Briefpost entsprechen. Auf ein theoretisches Ideal kommt es nicht an. Aus rechtlicher Sicht interessant sind dann rechtliche Implikationen, die sich beispielsweise aus der zeitversetzten Kommunikation ergeben.

Ende-zu-Ende-Verschlüsselung erfüllt keine reale Sicherheitsanforderung, sondern sie strebt ein technisch motiviertes theoretisches Ideal an. Wie ich im vorigen Beitrag erläutert habe, ist dieses theoretische Ideal im realen System kaum zu erreichen. Das ist jedoch kein Problem, da sich die realen Sicherheitsanforderungen am Sicherheitsniveau realer Kommunikationsmittel wie Post, Fax und Telefon orientieren.

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Den Lösungsraum verengt die Forderung nach Ende-zu-Ende-Sicherheit auf scheinbar ideale kryptografische Ansätze. Diese Ansätze sind jedoch nicht nur nicht sinnvoll, wenn man – im Gegensatz zur Gesundheits-Telematik – in endlicher Zeit ein funktionsfähiges System bauen möchte. Es gibt auch Alternativen und Aspekte, von denen die Fokussierung auf das theoretische Ideal ablenkt.

Die Befürworter der kryptografischen Ende-zu-Ende-Sicherheit kritisieren die Umschlüsselung von Nachrichten in einem Hardware-Sicherheitsmodul (HSM). Bei der Umschlüsselung wird eine Nachricht ent- und mit einem anderen Schlüssel verschlüsselt. Auf diese Weise lassen sich die Zugriffsrechte auf der Empfängerseite von der ursprünglichen Verschlüsselung auf der Absenderseite entkoppeln. So kann man Beispielsweise Vertretern Zugriff auf Nachrichten geben, die bereits vor Beginn der Vertretung vom Absender verschlüsselt wurden.

Dies schaffe einen Single Point of Failure, der das ganze System „extrem verwundbar“ mache, argumentieren die Kritiker. Das ist insofern richtig, als ein erfolgreicher Angriff auf die entsprechende Systemkomponente, ein Hardware-Sicherheitsmodul (HSM), tatsächlich sämtliche Kommunikation beträfe. Solche Angriffspunkte gäbe es freilich auch bei einer Ende-zu-Ende-Lösung noch. Alle Kommunikation ausspähen könnte beispielsweise, wer den beA-Nutzerinnen eine manipulierte Version der Software unterjubelt oder wer in die Produktion der zur Nutzung erforderlichen Smartcards eingreift.

Die damit verbundenen Restrisiken nehmen wir jedoch notgedrungen in Kauf und ergreifen Maßnahmen, um sie zu klein zu halten. So wird man beispielsweise die Smartcard-Produktion durch Zugangskontrollen und Überwachung so gut wie eben praktikabel vor unbefugten Eingriffen schützen. Nichts spricht grundsätzlich dagegen, dies auch für die Umschlüsselung zu tun – deswegen unter anderem das Sicherheitsmodul. Die Fokussierung auf das vermeintliche Allheilmittel Ende-zu-Ende-Verschlüsselung verstellt jedoch den Blick auf solche Maßnahmen, die zum Risikomanagement beitragen.

Falls wir in einem Single Point of Failure ein grundsätzliches Problem sähen und die damit verbundenen Risiken für nicht beherrschbar hielten, müssten wir jedoch nach ganz anderen Wegen Ausschau halten. Wir müssten dann nämlich nach einer organisatorischen und technischen Architektur suchen, welche die Auswirkungen eines einzelnen erfolgreichen Angriffs auf einen Teil des Systems, der Nutzer und der Inhalte begrenzt und verlässlich dafür sorgt, dass der Aufwand für erfolgreiche Angriffe proportional zu ihren Auswirkungen wächst.

Solche Ansätze hätten erst einmal überhaupt nichts mit Kryptografie zu tun, sondern mit Organisationsprinzipien. Man könnte beispielsweise ein Ökosystem verschiedener unabhängiger Lösungen und Anbieter schaffen und die Haftung angemessen regeln.  Angriffe auf einen Anbieter beträfen dann nur dessen Nutzer. Mit DE-Mail gibt es sogar bereits ein solches Ökosystem, welches weitgehend brachliegt und sich nach Anwendungen sehnt.

Auf solche Fragen und Ansätze – deren Nutzen und Notwendigkeit allerdings erst nach einer gründlichen Bedrohungs- und Risikoanalyse klar wird – kommt man gar nicht erst, wenn man eine Abkürzung nimmt und blind die Anwendung bestimmter technischer Entwurfsmuster fordert.

Von der Datentransaktion zur Datenemission

Datenschutz ist regelmäßig ein Thema in diesem Blog, denn seine Schutzziele und Mechanismen überschneiden sich mit denen der IT-Sicherheit oder stehen mit ihnen in Wechselwirkung. Datenschutz ist auch regelmäßig der Gegenstand öffentlicher Debatten. Das ist einerseits verständlich, denn wir sind heute überall von vernetzter IT umgeben. Andererseits verlaufen solche Debatten oft bizarr, weil der Datenschutz politisch instrumentalisiert und mit sachfremden Aspekten vermischt wird. Dabei ist die Frage für sich und ohne Ballast schon schwer genug: Was soll, was kann, was bedeutet Datenschutz heute und in Zukunft?

Mit einem Aspekt dieser Frage habe ich mich zusammen mit Jürgen Geuter und Andreas Poller in einem Beitrag zur Konferenz Die Zukunft der informationellen Selbstbestimmung des Forums Privatheit Ende 2015 beschäftigt, der jetzt endlich im Konferenzband erschienen ist. Wir beschäftigen uns darin mit der Frage, wie sich die Paradigmen der Informationstechnologie seit der Entstehungszeit des deutschen Datenschutzrechts verändert haben und unter welchen Bedingungen Persönlichkeitsrechte im Zusammenhang mit der Datenverarbeitung heute geschützt werden sollen.

Der Datenschutz hat seine Wurzeln in den 1970er und 1980er Jahren. Das vorherrschende Verarbeitungsparadigma der EDV, wie man die IT damals nannte, war das der Datenbank. Darauf sind die Regeln des BDSG erkennbar zugeschnitten; sie geben der Datenerfassung und -verarbeitung ein Gerüst aus expliziten Transaktionen zwischen Betroffenen und verarbeitenden Stellen, mit denen die Betroffenen ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung wahrnehmen.

Heute prägen andere Paradigmen die Informationstechnik: die allgegenwärtige Vernetzung, die eine detaillierte Kontrolle durch explizite Transaktionen unpraktikabel macht, und das maschinelle Lernen, welches das Verständnis der Verarbeitungsvorgänge und die Einflussnahme darauf erschwert. Die Vorstellung einer expliziten Datenerhebung nebst informierter Einwilligung passt deshalb nicht mehr zur Technik und ihren vielfältigen Anwendungen.

Wir haben die neuen Bedingungen in eine Emissionsmetapher gepackt: Jeder von uns sendet fortlaufend Daten aus, die sich im Netz verbreiten und dort von verschiedenen Akteuren aufgefangen und verarbeitet werden, vergleichbar der Art und Weise, wie sich Licht von einer Lichtquelle im Raum ausbreitet. Das schließt Eingriffe nicht aus, aber sie müssen auf diese Verhältnisse zugeschnitten sein. Eine umfassende Lösung dafür können wir nicht präsentieren, aber wir diskutieren einige Ansätze.

Der ganze Beitrag:

Sven Türpe; Jürgen Geuter; Andreas Poller: Emission statt Transaktion: Weshalb das klassische Datenschutzparadigma nicht mehr funktioniert. In: Friedewald, M.; Roßnagel, A.; Lamla, J. (Hrsg.) (2017): Informationelle Selbstbestimmung im digitalen Wandel. Wiesbaden: Springer Vieweg DOI: 10.1007/978-3-658-17662-4_14, © Springer. [BibTeX]

What the Cypherpunks Got Wrong

Cypherpunk ideas have a long legacy and continue to influence how we are discussion matters of security and privacy, particularly in the relationship between citizens and governments. In a nutshell, cypherpunks posit that we can and should keep government intervention minimal by force-protecting our privacy by means of encryption.

Let us begin with what they got right:

“For privacy to be widespread it must be part of a social contract.”

 (Eric Hughes: A Cypherpunk’s Manifesto)

Social contracts are the basis of every society; they define a society and are represented in its formal and informal norms. Privacy is indeed a matter of social contract as it concerns very fundamental question of what the members of a society should know about each other, how they should they should learn it, and how they may or may not use what they know about others.

Privacy is not merely a matter of hiding information so that it cannot be found. The absence of expected features or utterances carries information, too. Some societies, for example, expect their members to actively demonstrate their allegiance. Members of such a society cannot merely hide what they think, they also have to perform their role as expected if they have no desire to become a leper.

What the cypherpunks got entirely wrong was their conception of social contracts and the hope that cryptography could be the foundation upon which they, the cypherpunks, would build their own. Cypherpunks believe that cryptography would allow them to define their own social contract on top of or next to the existing ones. This has not worked and it cannot work. On the one hand, this is not how social contracts work. They are a dimension of a society’s culture that evolves, for better or worse, with this society.

On the other hand, cryptography–or security technology in general–does not change power relationships as much as cypherpunks hope it would. Governments are by definition institutions of power: “Government is the means by which state policy is enforced.” Cypherpunks believe that cryptography and other means of keeping data private would limit the power of their governments and lay it into the cypherpunks’ hands. However, the most fundamental power that any working government has is the power to detain members of the society it is governing.

In an echo of cypherpunk thinking, some people react to an increased interest of the U.S. Customs and Border Protection (CBP) in travelers’ mobile devices with the suggestion to leave those devices at home while traveling. After all, the CBP cannot force you to surrender what you do not have on you, so the reasoning. This thinking has, however, several flaws.

First, from a security point of view, leaving your phone at home means to leave it just as unattended as it would be in the hands of a CBP agent. If the government really wants your data, nothing better could happen to them than getting access to your phone while you are not even in the country.

Second, the government is interested in phones for a reason. Cryptography and other security mechanisms do not solve security problems, they only transform them. Cryptography in particular transforms the problem of securing data into a problem of securing keys. The use of technology has evolved in many societies to the point where our phones have become our keys to almost everything we do and own online; they have become our primary window into the cloud. This makes phones and the data on them valuable in every respect, for those trying to exert power as well as for ourselves. You lose this value if you refrain from using your phone. Although it seems easy to just leave your phone at home, the hidden cost of it is hefty. Advice suggesting that you do so is therefore not very practical.

Third, this is not about you (or if it is, see #1 above). Everyone is using mobile phones and cloud services because of their tremendous value. Any government interested in private information will adapt its approach to collecting this information to the ways people usually behave. You can indeed gain an advantage sometimes by just being different, by not behaving as everyone else would. This can work for you, particularly if the government’s interest in your affairs is only a general one and they spend only average effort on you. However, this same strategy will not work for everyone as everyone cannot be different. If everyone left their phones at home, your government would find a different way of collecting information.

By ignoring a bit of context, cypherpunks manage to arrive at wrong conclusions from right axioms:

“We cannot expect governments, corporations, or other large, faceless organizations to grant us privacy out of their beneficence.”

“We must defend our own privacy if we expect to have any.”

(Eric Hughes: A Cypherpunk’s Manifesto)

This is true, but incomplete. Power must be contained at its source (and containment failures are a real possibility). Cryptography and other security technology does not do that. Cryptography can perhaps help you evade power under certain circumstances, but it will by no means reverse power relationships. What you really need is a social contract that guarantees your freedom ad dignity.

 

(Expanded version of a G+ comment)

 

Re: Offener Brief zu DNA-Analysen in der Forensik

Mahnungen vor dräuenden Gefahren verkaufen sich immer, sind doch vorhergesagte Probleme nie auszuschließen, ohne dass man ein Risiko eingeht und etwas ausprobiert. So lässt sich beliebig lange spekulieren, was alles passieren könnte, wenn man täte, was man wegen der Risiken besser bleiben ließe. Als neuester Gegenstand solcher „kritischen“ Betrachtungen bietet sich die Forderung nach einer Ausweitung der zulässigen DNA-Analysen in der Polizeiarbeit an. Folgerichtig haben Sozialwissenschaftler einen Offenen Brief zu DNA-Analysen in der Forensik verfasst der zur Vorsicht mahnt und seine Autorinnen als unverzichtbare Expertinnen anbietet. Der Tenor: Erweiterte DNA-Analysen seien viel zu kompliziert als dass man einfache Polizisten unbegleitet mit ihren Ergebnissen arbeiten lassen dürfe. Am Ende steht wenig mehr als die Schlussfolgerung, dass es zu Fehlern kommen könne. Dies jedoch ist eine banale Aussage: Fehler sind in der Polizeiarbeit Alltag und das System aus Gesetzgebung, Polizei und Justiz kann damit gut umgehen. Selbstverständlich muss man die Auswirkungen neuer Methoden betrachten, aber zur Panik gibt es keinen Anlass. Unser Rechtsstaat irrt sich recht zuverlässig zugunsten der Verdächtigen und die Forensiker wissen selbst ganz gut, wo die Grenzen der verschiedenen Analyseverfahren liegen. Unschätzbare Risiken können wir jeder Technik unterstellen, das hilft nur niemandem.

 

Lernmaschine

Vor vier Jahren schrieb ich Datenkrake Google, weil ich die landläufige Vorstellung von Google als einer großen Datenbank für unpassend hielt. In Wirklichkeit, so meine These, sei maschinelles Lernen der Kern von Google. Inzwischen gibt es daran nicht mehr viel zu zweifeln. Google hat mit AlphaGo Aufsehen erregt, einer KI, die menschliche Go-Meister schlägt. Mit Tensor Flow stellt Google eine KI-Bibliothek als Open Source bereit. Vor zwei Wochen wurde bekannt, dass man sogar spezielle Hardware für Deep-Learning-Anwendungen entwickelt hat: Tensor-Prozessoren, auf denen AlphaGo seine Berechnungen ausführte. Dazu passend hat Google gerade das Startup Nervana übernommen, das ebenfalls optimierte Hardwarearchitekturen für das maschinelle Lernen entwickelt hat.

Das kann in diesem Tempo noch eine Weile weitergehen. Halten unsere Debatten mit der Entwicklung Schritt?

Unexpected Moves

When AlphaGo played and won against Sedol, it made innovative moves not only unexpected by human experts but also not easily understandable for humans. Apparently this shocked and scared some folks.

However, AI coming up with different concepts than humans is nothing new. Consider this article recounting the story of Eurisko, a genetic programming experiment in the late 1970s. This experiment, too, aimed at competing in a tournament; the game played, Traveller TCS, was apparently about designing fleets of ships and letting them fight against each other. Even this early, simple, and small-scale AI thing surprised human observers:

“To the humans in the tournament, the program’s solution to Traveller must have seemed bizarre. Most of the contestants squandered their trillion-credit budgets on fancy weaponry, designing agile fleets of about twenty lightly armored ships, each armed with one enormous gun and numerous beam weapons.”

(G. Johnson:
Eurisko, The Computer With A Mind Of Its Own)

Keep in mind there was nothing scary in the algorithm, it was really just simulated evolution in a rather small design space and the computer needed some help by its programmers to succeed.

The Eurisko “AI” even rediscovered the concept of outnumbering the enemy instead of overpowering him, a concept humans might associate with Lanchester’s models of predator-prey systems:

“Eurisko, however, had judged that defense was more important than offense, that many cheap, invulnerable ships would outlast fleets consisting of a few high-priced, sophisticated vessels. (…) In any single exchange of gunfire, Eurisko would lose more ships than it destroyed, but it had plenty to spare.”

(G. Johnson:
Eurisko, The Computer With A Mind Of Its Own)

Although Eurisko’s approach seemed “un-human”, it really was not. Eurisko only ignored all human biases and intuition, making decisions strictly by cold, hard data. This is a common theme in data mining, machine learning, and AI applications. Recommender systems, for example, create and use concepts unlike those a human would apply to the same situation; an article in IEEE Spectrum a couple of years ago (J. A. Konstan, J. Riedl: Deconstructing Recommender Systems) outlined a food recommender example and pointed out that concepts like “salty” would not appear in their models.

Transparency and auditability are surely problems if such technology is being used in critical applications. Whether we should be scared beyond this particular problem remains an open question.

 

(This is a slightly revised version of my G+ post, https://plus.google.com/+SvenT%C3%BCrpe/posts/5QE9KeFKKch)

Besondere Arten personenbezogener Daten

Das Bundesdatenschutzgesetz hebt einige Arten personenbezogener Daten heraus und stellt sie an mehreren Stellen unter einen noch strengeren Schutz. Die Definition:

»Besondere Arten personenbezogener Daten sind Angaben über die rassische und ethnische Herkunft, politische Meinungen, religiöse oder philosophische Überzeugungen, Gewerkschaftszugehörigkeit, Gesundheit oder Sexualleben.« (§ 3 (9) BDSG)

Die Idee dahinter ist so einfach wie plausibel: Datenschutz geht nicht nur selbst aus den Grundrechten hervor, er soll auch vor Eingriffen in andere Grundrechte schützen.

Angela Merkel am Rednerpult auf einem CDU-Parteitag
(Quelle: CDU/CSU-Bundestagsfraktion, CC-BY-SA, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cdu_parteitag_dezember_2012_merkel_rede_04.JPG)

Was heißt das? Nehmen wir unsere Bundeskanzlerin als Beispiel. Dass sie Deutsche ist, der CDU nahesteht und sich zur evangelischen Spielart des christlichen Glauben bekennt, diese Angaben gehören zu den besonderen Arten personenbezogener Daten. Je nach Auslegung fallen diese Angaben vielleicht sogar hier im Blog unter das BDSG, immerhin ist ein Blog was mit Computern.

Nicht zu den besonderen Arten personenbezogener Daten gehören zum Beispiel ihre  Wohnanschrift oder die Vorratsdaten ihres privaten Mobiltelefons (deren Speicherung  allerdings eine eigene Rechtsgrundlage neben dem BDSG hat).

Ist das eine sinnvolle Risikorientierung des Datenschutzes? Fürs Individuum nicht unbedingt. Welche Daten welche Risiken implizieren, lässt sich im Einzelfall nicht an so einer Grobklassifikation festmachen. Im Fall der Kanzlerin gäbe es sicher so manchen, der sie gerne mal zu Hause besuchen würde (vor ungewollten Besuchen schützt sie freilich der Personen- und nicht der Datenschutz), und wann sie mit wem telefoniert, dürfte so manchen mehr interessieren als ihr religiöses Bekenntnis oder Aspekte ihres Lebenslaufs. Das bleibt so, wenn wir eine weniger im Licht der Öffentlichkeit stehende Person wählen; auch dann korrespondieren die individuellen Risiken nicht unbedingt mit den Datenarten nach BDSG.

Mehr Sinn ergeben die besonderen Arten personenbezogener Daten, wenn wir eine Kollektivperspektive annehmen. Eigentlich möchten wir erreichen, dass bestimmte Arten der Datenverarbeitung gar nicht versucht oder sehr erschwert werden, etwa ein Gesundheitsscoring durch Arbeitgeber als Grundlage für Einstellungs- und Kündigungsentscheidungen. Nicht ohne Grund ähneln die Kategorien aus § 3 (9) BDSG jenen des Antidiskriminierungsgesetzes AGG.

Gesellschaftliche Entwicklungen sind immer mit einem gewissen Konformitätsdruck auf Individuen verbunden. Die Kollektivperspektive gehört deshalb in den Datenschutz; individuelle Rechte sind nur dann etwas wert, wenn man sie auch praktisch ohne Nachteile ausüben kann. Dass sie dort auf den ersten Blick unpassend (und in manchen Ausprägungen paternalistisch) wirkt, liegt an der starken Grundrechtsbetonung. Datenschutz kommt als Grundrecht daher, das ich persönlich in Anspruch nehme. Die kollektive Klimapflege ist Voraussetzung dafür, aber der Zusammenhang ist nicht offensichtlich.

Hintertüren für den Staat

Smartphones und Tablets sind neben vielen anderen Funktionen auch persönliche mobile Datenträger. Für deren Inhalt – Kontakte, Termine, Fotos, Anrufprotokolle, Kurznachrichten und so weiter – interessieren sich naturgemäß auch Strafverfolger. Die Mobilplattformen iOS und Android können gespeicherte Daten verschlüsseln, wie es sich für ein verlust- und diebstahlgefährdetes Gerät gehört. Neuerdings verspricht Apple, selbst keine Daten aus verschlüsselten Geräten auslesen zu können. Google kündigt für die nächste Android-Version an, die Verschlüsselung standardmäßig zu aktivieren und gibt ebenfalls an, über keinen Zugriffsmöglichkeit zu verfügen. Daraufhin melden sich der FBI-Direktor, der US-Justizminister und andere und kochen die alte Diskussion um Hintertüren für die Strafverfolgung neu auf. Ein Aufschrei ist ihnen sicher.

An anderer Stelle sind Hintertüren für staatliche Organisationen üblich und niemanden juckt es: Viele Gebäude verfügen über ein Feuerwehrschlüsseldepot, das der Feuerwehr den Zugang ermöglicht. Technisch handelt es sich um dasselbe Problem und denselben Lösungsansatz mit denselben Risiken wie im Fall der Verschlüsselung. Warum ist die eine Hintertür im Sicherheitskonzept ein Aufreger, die andere hingegen nicht? Bei näherer Betrachtung fallen allerlei Unterschiede auf:

  • Feuerwehr, Gebäudebetreiber und Gebäudenutzer verfolgen gemeinsame Interessen und profitieren von der Lösung. Alle drei Parteien wollen Brände schnell gelöscht und Fehlalarme ohne unnötige Nebenschäden abgestellt sehen. Strafverfolger hingegen sind für die Verfolgten, ob schuldig oder unschuldig, stets ein Gegner und für Dienstanbieter mindestens lästig. Die Krypto-Hintertür schafft keine Win-Win-Situation.
  • Im Fall der Schlüsseldepots wirkt ein weiterer Player, der ein eigennütziges Interesse an optimaler Sicherheit hat: die Versicherer, die weder für Brandschäden noch für Einbrüche mehr als unbedingt nötig zahlen möchten. Sie setzen sich mit handfesten wirtschaftlichen Mitteln dafür ein, dass das Missbrauchsrisiko gering bleibt. Kryptohintertüren könnte man zwar prinzipiell der gerichtlichen Kontrolle unterwerfen, aber den Gerichten fehlt das ökonomische Optimierungsinteresse.
  • Es gibt ein sichtbares und plausibles Risikomanagement. Feuerwehrschlüsseldepots geben bei richtiger Implementierung der Feuerwehr Darmstadt Zugang zu ausgewählten Gebäuden in und um Darmstadt und der Feuerwehr Kassel Zugang zu ausgewählten Gebäuden in Kassel. Ein Secure Golden Key™, wie es in der Neuauflage der Kryptodiskussion heißt, gäbe vermutlich den Strafverfolgungsbehörden mehrerer Länder Zugriff auf alle Geräte der jeweiligen Plattform – man wäre sonst machtlos gegen kriminelle Touristen und im Ausland gekaufte Telefone.
  • Schlüsseldepots werden vorwiegend in öffentlichen und halböffentlichen Gebäuden (Kaufhäuser, Bürogebäude, Industrieanlagen usw.) eingesetzt. Das Reihenhaus von Tante Erna hat keins.
  • Die gewährten Zugangsrechte sind begrenzt. Der Generalschlüssel aus dem Depot öffnet eine definierte Menge von Zugängen; der Safe im Büro gehört nicht dazu. Demgegenüber ermöglicht ein Kryptogeneralschlüssel mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Privilegieneskalation, wenn sich damit  Zugangsdaten (neben Passworten zum Beispiel Session-IDs) für weitere Dienste oder Geräte lesen lassen.
  • Die Betroffenen haben subjektiv und objektiv mehr Kontrolle über die Verwendung der deponierten Schlüssel: Das Feuerwehrschlüsseldepot ist gut sichtbar vor Ort installiert, was unbemerkte Zugriffe erschwert. Dass jemand meine Daten entschlüsselt, bekomme ich dagegen nie mit.
  • Der relative Sicherheitsverlust bei Missbrauch ist geringer. Sowohl die Feuerwehr als auch Einbrecher kommen sowieso rein, wenn sie das wirklich wollen und eine Weile Lärm machen dürfen. Ein Schlüssel macht es einfacher, aber selten überhaupt erst möglich. Das ist auch jedem klar. Von verschlüsselten Daten erwarten wir, dass sie ohne Schlüssel so gut wie gelöscht sind.

Hintertüren beziehungsweise Generalschlüssel für den Staat können akzeptabel sein – wenn der Kontext und die Implementierung stimmen. Ob man sie dann auch braucht und haben möchte, ist noch einmal eine andere Frage. Die Notwendigkeit, Beweise mit einem gewissen Ermittlungsaufwand beschaffen zu müssen, statt sie einfach irgendwo auszulesen, kann ein ganz brauchbarer Kontrollmechanismus sein.

Komplette Durchleuchtung?

Der klassische Datenschutz europäischer und insbesondere deutscher Prägung geht von einem Vorurteil aus: Das Speichern und Verarbeiten personenbezogener Daten sei gefährlich und die Gefahr wachse proportional mit der Datenmenge pro Person. Folgerichtig bleiben diese gefährlichen Handlungen verboten, solange sie nicht eine Einwilligung des Betroffenen oder ein Gesetz erlaubt.

Max Schrems, Initiator von Europe vs. Facebook und derjenige, der von Facebook Auskunft über seine dort gespeicherten Daten erstritt, hat ein Buch geschrieben, Kämpf um deine Daten. Die zugehörige Rezension der FAZ illustriert die Datenschutz-Prämisse und wie sie unsere Wahrnehmung beeinflusst:

»Ein anderer Slogan der Digitalwirtschaft lautet: „Wir machen doch alles nur, um die Werbung auf den Nutzer zuzuschneiden.“ Dem hält Schrems entgegen, dass personalisierte Werbung längst nicht so effektiv ist, wie alle tun. Werbetreibende erzählten das hinter vorgehaltener Hand. Die komplette Durchleuchtung des Nutzers geschehe im Grunde bloß für ein paar lausige Klicks mehr, resümiert Schrems. Nur wegen Cent-Beträgen wird unser Grundrecht auf Datenschutz aufgelöst.«

Die komplette Durchleuchtung aus nichtigem Anlass, anders kann man es kaum sehen, wenn man die Grundannahme des Datenschutzes akzeptiert. Tut man dies nicht, so bietet sich eine alternative Interpretation an: Was die Datenkraken über uns wissen und vorhersagen können, genügt gerade mal, um die Werbeklickraten ein wenig zu erhöhen. Von Algorithmen, die uns besser kennen als wir selbst, kann keine Rede sein. Personalisierte Werbung ist weit davon entfernt, uns genau das vorzulegen, was wir sicher anklicken werden. Darüber liefert der Einzelne nämlich viel zu wenig Informationen. “Personalisierte” Werbung ist in Wirklichkeit statistisch optimierte Werbung, der die Zielgruppensegmentierung und -zuordnung ein wenig besser gelingt als den extrem groben klassischen Mechanismen. Mit herkömmlichen Methoden bekomme ich Autowerbung, wenn ich eine Autozeitschrift lese und Nerdwerbung auf Slashdot. Moderne Verfahren nutzen vielfältigere Merkmale und finden die optimale Auswahlstrategie zum Teil selbst.

Viel mehr als eine etwas genauere Zielgruppensegmentierung steckt nicht hinter der personalisierten Werbung, und die meisten Anzeigen werden nach wie vor ignoriert. Statt von der kompletten Durchleuchtung für ein paar Cent sollte man besser von Optimierungen am Rande der Aufmerksamkeit sprechen. Ist das gefährlich, schädlich, manipulativ? Eher nicht, jedenfalls nicht mehr als Werbung an sich schon ist. Lebe ich besser, wenn ich sorgfältig jede Datenspur vermeide? Nicht messbar. Diese pragmatische, risikoorientierte Sicht ist dem klassischen Datenschutz fremd.

P.S. (2014-06-14): Kristian Köhntopp erklärt passend dazu, warum verschiedene Formen der Durchleuchtung unterschiedlich nützlich sind.

Denkverbote für Star-Trek-Computer?

Zwei Jahre nach Datenkrake Google ist aus den damals noch unscharfen Gedanken mit Unterstützung meiner Kolleginnen Annika Selzer, Andreas Poller und Mark Bedner ein Artikel geworden: Denkverbote für Star-Trek-Computer?, Datenschutz und Datensicherheit – DuD 38(1), Januar 2014, DOI: 10.1007/s11623-014-0008-x. Abgeschlossen ist das Thema damit nicht, die Diskussion geht gerade erst richtig los.

Vor 30 Jahren definierte das Bundesverfassungsgericht im Volkszählungsurteil das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und erklärte es zu einer Voraussetzung für Freiheit und Gemeinwohl. Die elektronische Datenverarbeitung (EDV), so nannte man die Informationstechnik damals, steckte noch tief im Manufakturzeitalter. Datenbanken ersetzten gerade die Karteischränke, das beschriebene und sortierte Papier. Wissenschaftler begannen, über künstliche Intelligenz nachzudenken, aber das war eine Zukunftsvision; der Spielfilm Computer Chess fängt die Stimmung jener Zeit ein.

Einerseits zeugt das Volkszählungsurteil von Weitsicht. Aus der Datenmanufaktur ist eine Datenindustrie geworden. Computer spielen heute nicht nur Schach auf Weltmeisterniveau, sie gewinnen auch im Fernsehquiz Jeopardy! Amazon, Netflix, Last.fm und viele andere Dienste empfehlen uns, was unserem Geschmack entspricht, und liegen damit häufig genug richtig um uns erfolgreich etwas zu verkaufen. Google ermittelt aus Suchanfragen die Ausbreitung von Grippewellen, wenn auch nicht ganz genau. Das Thema Datensammlung und Datenverarbeitung grundsätzlich anzugehen erweist sich im Nachhinein als richtig.

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Daten-Bank

Banken haben einen schlechten Ruf. Trotzdem lassen wir alle unser Geld dort. Meistens funktioniert das auch und wir bekommen unser Geld später zurück, in guten Zeiten sogar mit Zinsen. Unser Geld stapeln die Banken nicht einfach im Keller, sondern sie arbeiten damit und erwirtschaften Gewinne. Am Ende hat jeder einen Nutzen davon, mit Ausnahme einiger bedauerlicher Einzelfälle.

Cloud-Dienste haben einen schlechten Ruf. Trotzdem lassen wir alle unsere Daten dort. Meistens funktioniert das auch und wir bekommen unsere Daten ohne Nebenwirkungen zurück, in guten Diensten sogar mit Zusatznutzen. Unsere Daten lagern die Cloud-Dienste nicht einfach auf Speichermedien, sondern sie arbeiten damit und erwirtschaften Gewinne. Am Ende hat jeder einen Nutzen davon, mit Ausnahme einiger bedauerlicher Einzelfälle.

Wohlfeile Empfehlungen

Ungefähr einmal pro Woche rät man uns zur Abkehr von einem beliebten Dienst und empfiehlt uns Nischenanbieter als Alternativen. Die Begründung: Sicherheit und Datenschutz. Die tatsächlichen Reaktionen bleiben vorhersehbar verhalten und nächste Woche geht es mit neuem Anlass wieder los. Was soll das?

Offenkundig gehen diese Ratschläge an der Realität vorbei. Auf einem funktionierenden Markt ist niemand erfolgreich von Gottes Gnaden. Nachfrager entscheiden, welche Angebote ihre Bedürfnisse am besten erfüllen. Die meisten Nutzer und Kunden hat derjenige, der die Bedürfnisse der breiten Masse ausreichend gut erfüllt. Er verliert seine Rolle, wenn ein anderer das besser tut; er verliert sie nicht, wenn sich daneben ein Nischenanbieter auf eine kleine Gruppe mit besonderen Bedürfnissen spezialisiert.

Dass viele Menschen zum Beispiel Google, Facebook oder WhatsApp nutzen, hat handfeste Gründe, die man untersuchen und erklären kann. Die Marktpositionen dieser Firmen und Dienste sind nur das Resultat. (Sie können sich auch schnell ändern. Erinnert sich noch jemand an Lycos, Altavista, Yahoo, Nokia, MySpace oder StudiVZ?) Sicherheit und Datenschutz sind dabei bereits eingepreist: Wer ein Angebot auswählt, weil es am besten zu seinen Präferenzen passt, wählt alle anderen ab, die dazu weniger gut passen. Ihm die abgewählten Alternativen noch einmal aufzuzählen und einen bereits in die Wahl eingeflossenen Aspekt herauszustreichen, wird die Entscheidung selten ändern.

Warum tun sie’s dennoch immer wieder und empfehlen uns, was wir bereits zurückgewiesen haben? Weil der Nachrichtenmarkt so etwas kauft. Wer auf sich aufmerksam machen möchte, muss Material liefern, mit dem Medien etwas anfangen können. Unabhängige Expertenempfehlungen sind gut, die kann jeder guten Gewissens verbreiten und sie sind auf diesem Niveau auch nicht schwer zu geben. Das Versprechen von mehr Sicherheit und Datenschutz ist noch besser, denn dieses Versprechen lässt sich kurzfristig kaum wiederlegen.

Vielleicht tun sie’s auch, weil sie am Ende vom ständigen Scheitern profitieren. Was wären die Mahner und Aktivisten, wenn alle ihren Ratschlägen folgten?

P.S.
Nico Lumma über Die Sache mit der hilflosen Datenschutzhysterie
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Afraid of the Intercloud

Jürgen Geuter asked on G+:

»Ok, help me understand. Why is #Google buying #Nest seen as bad for privacy/data control/etc.?

I don’t get it, the data Google already has about individuals is better. Is it because Google is seen tied to objects that just exist around us (and are not our direct extensions such as smartphones)? Is it the usual underspecified feeling of “creepyness”?«

I went for the creepiness option. This is my reply, which I recycle here:

Maybe it’s because we’re mentally still living in the pre-cloud and in the database paradigm. Google represents like no other organization – maybe except the NSA – a technological progress that’s hard to grasp. We have no appropriate conception of information risk and risk management for a world in which a single organization can process various data about the wealthier half of the planet’s population and draw inferences from these data. Google represents this development, working at its forefront and pushing the limits.

We have no intuition what may, could, or will happen to us in the long run due to this new technology, and we have no idea ho to manage the risks (or non-risks) that we don’t understand. In a way we are in a similar situation as those who drafted our first data protection laws back in the seventies and early eighties: having to manage not only the uncertainty inherent in any risk consideration, but rather an uncertainty about the uncertainty. Back then, the tentative conceptual and legal solution was to ban all storing and processing of personally identifiable data and grant permission only on a case-by-case basis.

Progress has turned this approach into a delusion, but we lack a convincing replacement. We don’t know what’s risky and what isn’t; most of us don’t even understand what creates value in an Internet-scale data processing business. We project all our uncertainties on the pioneers.

P.S.: Just while I was writing this, the following quote appeared in my G+ stream:

»The desire for security and the feeling of insecurity are the same thing. To hold your breath is to lose your breath. A society based on the quest for security is nothing but a breath-retention contest in which everyone is as taut as a drum and as purple as a beet.«

— Alan Watts

Morgen kann vielleicht etwas passieren

»Ich will jedenfalls auf dieses Problem aufmerksam machen: Sicherheitsbedürfnisse sind strukturell unstillbar. Es ist gegen das Argument ‘Morgen kann vielleicht etwas passieren’ kein Kraut gewachsen.«

— Winfried Hassemer im Streitgespräch mit Wolfgang Schäuble (via Telepolis)

Zu kurz gedacht wäre allerdings, dies – und die Schlussfolgerung, dass man Grenzen setzen müsse – nur auf staatliche Sicherheitsgesetze, -behörden und -projekte zu beziehen. Der Satz gilt in alle Richtungen und für alle Sicherheitsbedürfnisse, also auch zum Beispiel für den Ruf nach mehr Datenschutz, mehr Verschlüsselung, weniger NSA und so weiter.

Morgen kann vielleicht etwas passieren. Das ist kein ausreichender Grund, auf Segnungen des Internet-Zeitalters zu verzichten, auch wenn sie Google, Facebook oder Cloud Computing heißen. Es ist nicht mal ein ausreichender Grund, sich anders zu verhalten und etwa amerikanische Dienstleister zu meiden, öfter zu verschlüsseln oder Datenpakete anders zu routen.

Morgen kann vielleicht etwas passieren. Etwas dagegen zu tun lohnt sich nur, wenn man sein individuelles Risiko nennenswert reduziert und der Aufwand im Verhältnis zur Risikoreduktion steht. Deswegen erlaube ich mir, die Snowden-Enthüllungen mit Interesse zur Kenntnis zu nehmen, in meinem alltäglichen Verhalten aber nicht weiter darauf zu reagieren. Ich habe keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die NSA mein Leben beeinflusst, folglich lohnt es sich auch nicht, individuelle Maßnahmen zu ergreifen.