Category Archives: Wahrnehmung

Encryption Will Not Give You Free Speech

“Freedom of speech is the right to articulate one’s opinions and ideas without fear of government retaliation or censorship, or societal sanction.”Wikipedia

Reports of a vulnerability in WhatsApp are making the rounds today after The Guardian boosted the signal. Besides the fact that there is not really a backdoor, but rather a feature that represents a reasonable choice in a tradeoff between confidentiality and availability, the Guardian also repeats a common mistake: confounding encryption and free speech.

“Privacy campaigners criticise WhatsApp vulnerability as a ‘huge threat to freedom of speech,’” writes The Guardian. This is bullshit. As per the definition cited above, free speech means you can say things without fear. Being able to say things only in private and needing strong technical privacy guarantees is the opposite of free speech. You need encryption for that which you cannot say without fear.

Yes, encryption can be a tool against those who suppress you (though a weak one, as your adversary can easily use your use of encryption against you – or deny you due process altogether and persecute you without any trace of evidence and probable cause). But encryption will never give you free speech, it will only support your inner immigration.

Hintertüren für den Staat

Smartphones und Tablets sind neben vielen anderen Funktionen auch persönliche mobile Datenträger. Für deren Inhalt – Kontakte, Termine, Fotos, Anrufprotokolle, Kurznachrichten und so weiter – interessieren sich naturgemäß auch Strafverfolger. Die Mobilplattformen iOS und Android können gespeicherte Daten verschlüsseln, wie es sich für ein verlust- und diebstahlgefährdetes Gerät gehört. Neuerdings verspricht Apple, selbst keine Daten aus verschlüsselten Geräten auslesen zu können. Google kündigt für die nächste Android-Version an, die Verschlüsselung standardmäßig zu aktivieren und gibt ebenfalls an, über keinen Zugriffsmöglichkeit zu verfügen. Daraufhin melden sich der FBI-Direktor, der US-Justizminister und andere und kochen die alte Diskussion um Hintertüren für die Strafverfolgung neu auf. Ein Aufschrei ist ihnen sicher.

An anderer Stelle sind Hintertüren für staatliche Organisationen üblich und niemanden juckt es: Viele Gebäude verfügen über ein Feuerwehrschlüsseldepot, das der Feuerwehr den Zugang ermöglicht. Technisch handelt es sich um dasselbe Problem und denselben Lösungsansatz mit denselben Risiken wie im Fall der Verschlüsselung. Warum ist die eine Hintertür im Sicherheitskonzept ein Aufreger, die andere hingegen nicht? Bei näherer Betrachtung fallen allerlei Unterschiede auf:

  • Feuerwehr, Gebäudebetreiber und Gebäudenutzer verfolgen gemeinsame Interessen und profitieren von der Lösung. Alle drei Parteien wollen Brände schnell gelöscht und Fehlalarme ohne unnötige Nebenschäden abgestellt sehen. Strafverfolger hingegen sind für die Verfolgten, ob schuldig oder unschuldig, stets ein Gegner und für Dienstanbieter mindestens lästig. Die Krypto-Hintertür schafft keine Win-Win-Situation.
  • Im Fall der Schlüsseldepots wirkt ein weiterer Player, der ein eigennütziges Interesse an optimaler Sicherheit hat: die Versicherer, die weder für Brandschäden noch für Einbrüche mehr als unbedingt nötig zahlen möchten. Sie setzen sich mit handfesten wirtschaftlichen Mitteln dafür ein, dass das Missbrauchsrisiko gering bleibt. Kryptohintertüren könnte man zwar prinzipiell der gerichtlichen Kontrolle unterwerfen, aber den Gerichten fehlt das ökonomische Optimierungsinteresse.
  • Es gibt ein sichtbares und plausibles Risikomanagement. Feuerwehrschlüsseldepots geben bei richtiger Implementierung der Feuerwehr Darmstadt Zugang zu ausgewählten Gebäuden in und um Darmstadt und der Feuerwehr Kassel Zugang zu ausgewählten Gebäuden in Kassel. Ein Secure Golden Key™, wie es in der Neuauflage der Kryptodiskussion heißt, gäbe vermutlich den Strafverfolgungsbehörden mehrerer Länder Zugriff auf alle Geräte der jeweiligen Plattform – man wäre sonst machtlos gegen kriminelle Touristen und im Ausland gekaufte Telefone.
  • Schlüsseldepots werden vorwiegend in öffentlichen und halböffentlichen Gebäuden (Kaufhäuser, Bürogebäude, Industrieanlagen usw.) eingesetzt. Das Reihenhaus von Tante Erna hat keins.
  • Die gewährten Zugangsrechte sind begrenzt. Der Generalschlüssel aus dem Depot öffnet eine definierte Menge von Zugängen; der Safe im Büro gehört nicht dazu. Demgegenüber ermöglicht ein Kryptogeneralschlüssel mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Privilegieneskalation, wenn sich damit  Zugangsdaten (neben Passworten zum Beispiel Session-IDs) für weitere Dienste oder Geräte lesen lassen.
  • Die Betroffenen haben subjektiv und objektiv mehr Kontrolle über die Verwendung der deponierten Schlüssel: Das Feuerwehrschlüsseldepot ist gut sichtbar vor Ort installiert, was unbemerkte Zugriffe erschwert. Dass jemand meine Daten entschlüsselt, bekomme ich dagegen nie mit.
  • Der relative Sicherheitsverlust bei Missbrauch ist geringer. Sowohl die Feuerwehr als auch Einbrecher kommen sowieso rein, wenn sie das wirklich wollen und eine Weile Lärm machen dürfen. Ein Schlüssel macht es einfacher, aber selten überhaupt erst möglich. Das ist auch jedem klar. Von verschlüsselten Daten erwarten wir, dass sie ohne Schlüssel so gut wie gelöscht sind.

Hintertüren beziehungsweise Generalschlüssel für den Staat können akzeptabel sein – wenn der Kontext und die Implementierung stimmen. Ob man sie dann auch braucht und haben möchte, ist noch einmal eine andere Frage. Die Notwendigkeit, Beweise mit einem gewissen Ermittlungsaufwand beschaffen zu müssen, statt sie einfach irgendwo auszulesen, kann ein ganz brauchbarer Kontrollmechanismus sein.

Komplette Durchleuchtung?

Der klassische Datenschutz europäischer und insbesondere deutscher Prägung geht von einem Vorurteil aus: Das Speichern und Verarbeiten personenbezogener Daten sei gefährlich und die Gefahr wachse proportional mit der Datenmenge pro Person. Folgerichtig bleiben diese gefährlichen Handlungen verboten, solange sie nicht eine Einwilligung des Betroffenen oder ein Gesetz erlaubt.

Max Schrems, Initiator von Europe vs. Facebook und derjenige, der von Facebook Auskunft über seine dort gespeicherten Daten erstritt, hat ein Buch geschrieben, Kämpf um deine Daten. Die zugehörige Rezension der FAZ illustriert die Datenschutz-Prämisse und wie sie unsere Wahrnehmung beeinflusst:

»Ein anderer Slogan der Digitalwirtschaft lautet: „Wir machen doch alles nur, um die Werbung auf den Nutzer zuzuschneiden.“ Dem hält Schrems entgegen, dass personalisierte Werbung längst nicht so effektiv ist, wie alle tun. Werbetreibende erzählten das hinter vorgehaltener Hand. Die komplette Durchleuchtung des Nutzers geschehe im Grunde bloß für ein paar lausige Klicks mehr, resümiert Schrems. Nur wegen Cent-Beträgen wird unser Grundrecht auf Datenschutz aufgelöst.«

Die komplette Durchleuchtung aus nichtigem Anlass, anders kann man es kaum sehen, wenn man die Grundannahme des Datenschutzes akzeptiert. Tut man dies nicht, so bietet sich eine alternative Interpretation an: Was die Datenkraken über uns wissen und vorhersagen können, genügt gerade mal, um die Werbeklickraten ein wenig zu erhöhen. Von Algorithmen, die uns besser kennen als wir selbst, kann keine Rede sein. Personalisierte Werbung ist weit davon entfernt, uns genau das vorzulegen, was wir sicher anklicken werden. Darüber liefert der Einzelne nämlich viel zu wenig Informationen. “Personalisierte” Werbung ist in Wirklichkeit statistisch optimierte Werbung, der die Zielgruppensegmentierung und -zuordnung ein wenig besser gelingt als den extrem groben klassischen Mechanismen. Mit herkömmlichen Methoden bekomme ich Autowerbung, wenn ich eine Autozeitschrift lese und Nerdwerbung auf Slashdot. Moderne Verfahren nutzen vielfältigere Merkmale und finden die optimale Auswahlstrategie zum Teil selbst.

Viel mehr als eine etwas genauere Zielgruppensegmentierung steckt nicht hinter der personalisierten Werbung, und die meisten Anzeigen werden nach wie vor ignoriert. Statt von der kompletten Durchleuchtung für ein paar Cent sollte man besser von Optimierungen am Rande der Aufmerksamkeit sprechen. Ist das gefährlich, schädlich, manipulativ? Eher nicht, jedenfalls nicht mehr als Werbung an sich schon ist. Lebe ich besser, wenn ich sorgfältig jede Datenspur vermeide? Nicht messbar. Diese pragmatische, risikoorientierte Sicht ist dem klassischen Datenschutz fremd.

P.S. (2014-06-14): Kristian Köhntopp erklärt passend dazu, warum verschiedene Formen der Durchleuchtung unterschiedlich nützlich sind.

Kosten und Nutzen

“Jede Sicherheitsmaßnahme lässt sich umgehen.” – Jochim Selzer argumentiert auf G+, dies sei keine gute Begründung für den  Verzicht auf Sicherheitsmaßnahmen. Damit hat er Recht, aber dies ist umgekehrt keine ausreichende Begründung für beliebige Sicherheitsmaßnahmen. Seiner Betrachtung fehlt ein Faktor: das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Mehr Sicherheit oder auch überhaupt Sicherheit wird zum Verlustgeschäft, wenn dem Aufwand keine adäquate Risikoreduktion gegenübersteht. Das klingt trivial, macht die Sache in Wirklichkeit jedoch ziemlich kompliziert.

Die Kosten einer Sicherheitsmaßnahme sind nicht nur die Anschaffungs-, sondern auch die Betriebskosten. Nicht alle Kosten manifestieren sich in finanziellen Transaktionen, sondern zum Beispiel in Zeit- und Arbeitsaufwand. Auch sehr kleine Aufwände können zu erheblichen Kosten führen, wenn sie in Alltagssituationen immer wieder anfallen. Auch das Ändern von Gewohnheiten ist teuer. Ein häufig verwendetes Passwort zu ändern, kostet mich zum Beispiel jedesmal einige Tage voller Fehlversuche mit dem alten Passwort, bis ich mich an die Änderung gewöhnt habe — und eine andere Empfehlung legt mir nahe, meinen Rechner beim Verlassen immer zu sperren.

Der Nutzen einer Sicherheitsmaßnahme ergibt sich nicht aus ihrer lokal messbaren Wirkung, sondern aus ihrem Einfluss auf das gesamte Risikoprofil. Sicherheitsmaßnahmen können irrelevant sein, wenn das Risiko – bezogen auf die Konsequenzen – insgesamt sehr klein ist und von anderen Risiken dominiert wird. Wenn ich zum Beispiel ein Smartphone oder einen Laptop mit mir herumtrage und darauf keine ungewöhnlich wertvollen Daten gespeichert sind, dann liegt das dominante Risiko im Verlust der Hardware. Ob ich meine Daten verschlüsselt habe oder nicht, ist dann relativ belanglos. Ebenso brauche ich mich als Individuum, zumal im Mitteleuropa der Gegenwart, nicht vor der NSA zu fürchten, wenn ich bedenkenlos auf Haushaltsleitern steige und am Straßenverkehr teilnehme. Ich werde höchstwahrscheinlich an einem Unfall, an einer Krankheit oder an Altersschwäche sterben und nicht an einem Drohnenangriff wegen eines algorithmisch hergeleiteten Terrorverdachts.

Hinzu kommt, dass Sicherheitsmaßnahmen nicht notwendig Risiken verringern, sondern sie oft nur verlagern oder transformieren. Einbrecher durchwühlen die unverschlossene Gartenlaube und nehmen tragbare Wertsachen sowie Alkoholvorräte mit. Einbrecher durchwühlen die verschlossene Gartenlaube und nehmen tragbare Wertachen und Alkoholvorräte mit, nachdem sie die Tür oder das Fenster demoliert haben. Was habe ich nun vom guten Schloss? Die Einbrecher müssen ein Brecheisen mitbringen und werden vielleicht (aber unwahrscheinlich) gehört – und ich habe höhere Kosten pro Vorfall, selbst wenn nichts gestohlen wird. Ich fahre besser, wenn ich die Tür offen lasse und kein potenzielles Diebesgut lagere.  Das Problem der Risikoverlagerung und -transformation ist typisch für Security, wo wir es mit adaptiven Angreiferkollektiven zu tun haben. In geringerem Maße kann es aber auch bei Safety-Maßnahmen auftreten, wenn diese Maßnahmen unerwünschte Nebenwirkungen haben und man also eine Risikoausprägung gegen eine andere eintauscht. Im Klettergerüst getragen kann ein Fahrradhelm Kinder strangulieren.

Ökonomisch betrachtet sind deswegen viele Sicherheitsratschläge für die Katz. Kosten und Nutzen haben außerdem eine subjektive Komponente. Ökonomische Rationalität beschreibt ein (angenommenes) Optimierungsverhalten unter Berücksichtigung persönlicher Präferenzen. Jeder ist frei darin festzulegen, wie viel ihm ein bestimmter, quantifizierter Nutzen im Vergleich zu anderen Angeboten mit denselben Kosten wert ist oder wie sehr ihn eine bestimmte Unannehmlichkeit im Vergleich zu einer anderen belastet. Auch ein Selbstmörder, der sich vor seiner Rettung schützt, kann ökonomisch rational handeln, wenn ihm sein eigener Tod nur wichtiger ist als alles andere. In diesem Sinne ist nichts daran auszusetzen, dass sich jemand etwa gegen den Sicherheitsgurt, gegen den Fahrradhelm, gegen ein kompliziertes Password oder gegen die E-Mail-Verschlüsselung entscheidet. Präskriptive Overrides sind nur dort angebracht, wo aus solchen Präferenzen erhebliche gesellschaftliche Probleme resultieren.

Denkverbote für Star-Trek-Computer?

Zwei Jahre nach Datenkrake Google ist aus den damals noch unscharfen Gedanken mit Unterstützung meiner Kolleginnen Annika Selzer, Andreas Poller und Mark Bedner ein Artikel geworden: Denkverbote für Star-Trek-Computer?, Datenschutz und Datensicherheit – DuD 38(1), Januar 2014, DOI: 10.1007/s11623-014-0008-x. Abgeschlossen ist das Thema damit nicht, die Diskussion geht gerade erst richtig los.

Vor 30 Jahren definierte das Bundesverfassungsgericht im Volkszählungsurteil das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und erklärte es zu einer Voraussetzung für Freiheit und Gemeinwohl. Die elektronische Datenverarbeitung (EDV), so nannte man die Informationstechnik damals, steckte noch tief im Manufakturzeitalter. Datenbanken ersetzten gerade die Karteischränke, das beschriebene und sortierte Papier. Wissenschaftler begannen, über künstliche Intelligenz nachzudenken, aber das war eine Zukunftsvision; der Spielfilm Computer Chess fängt die Stimmung jener Zeit ein.

Einerseits zeugt das Volkszählungsurteil von Weitsicht. Aus der Datenmanufaktur ist eine Datenindustrie geworden. Computer spielen heute nicht nur Schach auf Weltmeisterniveau, sie gewinnen auch im Fernsehquiz Jeopardy! Amazon, Netflix, Last.fm und viele andere Dienste empfehlen uns, was unserem Geschmack entspricht, und liegen damit häufig genug richtig um uns erfolgreich etwas zu verkaufen. Google ermittelt aus Suchanfragen die Ausbreitung von Grippewellen, wenn auch nicht ganz genau. Das Thema Datensammlung und Datenverarbeitung grundsätzlich anzugehen erweist sich im Nachhinein als richtig.

Continue reading Denkverbote für Star-Trek-Computer?

Daten-Bank

Banken haben einen schlechten Ruf. Trotzdem lassen wir alle unser Geld dort. Meistens funktioniert das auch und wir bekommen unser Geld später zurück, in guten Zeiten sogar mit Zinsen. Unser Geld stapeln die Banken nicht einfach im Keller, sondern sie arbeiten damit und erwirtschaften Gewinne. Am Ende hat jeder einen Nutzen davon, mit Ausnahme einiger bedauerlicher Einzelfälle.

Cloud-Dienste haben einen schlechten Ruf. Trotzdem lassen wir alle unsere Daten dort. Meistens funktioniert das auch und wir bekommen unsere Daten ohne Nebenwirkungen zurück, in guten Diensten sogar mit Zusatznutzen. Unsere Daten lagern die Cloud-Dienste nicht einfach auf Speichermedien, sondern sie arbeiten damit und erwirtschaften Gewinne. Am Ende hat jeder einen Nutzen davon, mit Ausnahme einiger bedauerlicher Einzelfälle.

Afraid of the Intercloud

Jürgen Geuter asked on G+:

»Ok, help me understand. Why is #Google buying #Nest seen as bad for privacy/data control/etc.?

I don’t get it, the data Google already has about individuals is better. Is it because Google is seen tied to objects that just exist around us (and are not our direct extensions such as smartphones)? Is it the usual underspecified feeling of “creepyness”?«

I went for the creepiness option. This is my reply, which I recycle here:

Maybe it’s because we’re mentally still living in the pre-cloud and in the database paradigm. Google represents like no other organization – maybe except the NSA – a technological progress that’s hard to grasp. We have no appropriate conception of information risk and risk management for a world in which a single organization can process various data about the wealthier half of the planet’s population and draw inferences from these data. Google represents this development, working at its forefront and pushing the limits.

We have no intuition what may, could, or will happen to us in the long run due to this new technology, and we have no idea ho to manage the risks (or non-risks) that we don’t understand. In a way we are in a similar situation as those who drafted our first data protection laws back in the seventies and early eighties: having to manage not only the uncertainty inherent in any risk consideration, but rather an uncertainty about the uncertainty. Back then, the tentative conceptual and legal solution was to ban all storing and processing of personally identifiable data and grant permission only on a case-by-case basis.

Progress has turned this approach into a delusion, but we lack a convincing replacement. We don’t know what’s risky and what isn’t; most of us don’t even understand what creates value in an Internet-scale data processing business. We project all our uncertainties on the pioneers.

P.S.: Just while I was writing this, the following quote appeared in my G+ stream:

»The desire for security and the feeling of insecurity are the same thing. To hold your breath is to lose your breath. A society based on the quest for security is nothing but a breath-retention contest in which everyone is as taut as a drum and as purple as a beet.«

— Alan Watts

Post-privacy is for everyone

Two quotes and a thought:

»If you have something that you don’t want anyone to know, maybe you shouldn’t be doing it in the first place.« — Eric Schmidt

 

»A public or private organization’s best defense against whistle-blowers is to refrain from doing things it doesn’t want to read about on the front page of the newspaper.« — Bruce Schneier

Is their message the same, or does it make a difference whether we talk about individuals or organizations? One limitation they surely have in common: just that one doesn’t want others to know certain things does not imply these things are wrong, even if one rightfully fears the others’ reaction. Both quotes oversimplify the problem by ignoring the right/wrong dimension, thus omitting case discriminations that may be important to the discussion.

The misleading microscopic view

The Guardian lists 10 gross ingredients you didn’t know were in your food, ingredients like arsenic, hair, or silicone breast implant filler. Should we react with nausea and disgust? Of course not. Yummy food is yummy food, neither a just detectable trace of someting (arsenic) nor the source of an ingredient (hair) nor possible other uses of the same ingredient (breast implants) have any noticeble impact. That’s by definition: if a dose of anything has a proven adverse health impact, it will be banned from being used in food. The Guardian‘s list is an example of microscopic properties that don’t matter macroscopically. Yummy food is yummy food.

We commit the same error when, in security, we look just at the software defects and neglect their security impact. All software has defects; we might easily assemble a list of 10, or 100, or 1000 defects you didn’t know were in your programs. This does not mean they’d all matter and need to be removed. A system is secure if it evokes a predictable and controlled incident profile over its lifetime. some software defects in some systems affect this incident profile in such a way that their removal matters. Others are just traces of poison, or issues appearing problematic by analogy. The problem is: we often don’t know which is which.

Leichte Kopfverletzungen

Am besten schützt ein Helm vor Kopfverletzungen, wenn wir Kopfverletzungen als das definieren, wovor ein Helm schützt. Mehrere verlorene Zähne sind nach Ansicht der Helmpropagandisten von Amts wegen keine Kopfverletzung:

»Der Rennradfahrer erlitt bei dem Zusammenstoß laut Polizei Prellungen, leichte Kopfverletzungen und verlor mehrere Zähne. Zum Glück trug er einen Fahrradhelm …«

(Echo Online: Rennradfahrer bei Unfall schwer verletzt)

 

Angst vorm Radfahren

Ein Lesetipp fürs Wochenende:

In der Frühjahrsausgabe des Magazins Reflektor, herausgegeben vom ADFC Sachsen, findet sich ein Artikel mit dem Titel Angst vorm Radfahren? der nicht nur für Radfahrer interessant ist. Er eignet sich auch vorzüglich zur allgemeinen Reflexion unserer Ängste und unseres Umgangs damit. Inspirieren ließ sich der Autor vom Essay Fear of Cycling des britischen Soziologen Dave Horton.

Fun Fact: Ich bin in den letzten 6 Jahren fast 20.000km gefahren und dabei nicht einmal vom Fahrrad gefallen.

 

Mein Verstärkerschaum

Die Filterblase gehört zu den Standards der Netzkritik. Dem Informationsfluss in sozialen Netzen wird der Begriff jedoch nicht gerecht.

Mir gegenüber im Büro sitzt ein ausgebildeter Philosoph und Volkswirt, der ein paar Jahre in der IT-Wirtschaft gearbeitet hat und jetzt an seiner Dissertation über Sicherheitsmodellierung schreibt. Ihn kann ich Sachen fragen, von denen ich vorher noch gar nicht ahnte, dass ich sie je wissen wollte. Auch ohne Fragen zu stellen bekomme ich von ihm ein unterschwelliges Bewusstsein anderer Denkkulturen und Begriffswelten, durch spontane Diskussionen, selbst geführte oder mitgehörte. Dies ist keine Ausnahme, sondern ein repräsentatives Beispiel aus meinem Alltag. Wo soziale Interaktion ins Spiel kommt, wird aus der Filterblase ein Verstärkerschaum für nur sehr grob eingegrenzte Informationen und eine gehörige Portion Rauschen. Da  (auch da) war mein Gedankengang noch nicht fertig, deswegen hier ein eigener Text.

Den Begriff der Filterblase (Filter Bubble) prägte Eli Pariser:

»Your filter bubble is your own personal, unique universe of information that you live in online. What’s in your filter bubble depends on who you are, and it depends on what you do. But you don’t decide what gets in — and more importantly, you don’t see what gets edited out.«

Er bezog sich auf adaptive Algorithmen in Suchmaschinen und anderen Diensten, die Informationen auf unsere Wünsche und Bedürfnisse zuschneiden sollen. Über unerwünschte Nebenwirkungen solcher Technologien nachzudenken, ist gut und richtig. Pariser sagt selbst, dass es ihm nicht um die Abschaffung aller Filter geht, sondern um die Transparenz. Wir müssen dabei aber den Kontext beachten. Niemand von uns nimmt die Welt nur durch eine Suchmaschine wahr, wir haben auch noch ein soziales Umfeld. Soziale Netzen können deshalb aus der Filterblase ein nützliches und kontrolliertes Werkzeug machen.

Ich bin Informatiker und beschäftige mich mit IT-Sicherheit. Das sind bereits zwei weite Felder. Die Informatik umfasst eine Reihe von Teildisziplinen; mit Themen der IT-Sicherheit beschäftigen sich neben Informatikern auch Psychologen, Soziologen, Anthropologen, Ökonomen, Juristen, Politiker, Manager, Journalisten und, wie wir eingangs sahen, auch Philosophen. Daneben interessieren mich andere Themen: Sprache und Sprachen; Radverkehr; Jonglieren in Theorie und Praxis; Design; Fotografie; sowie allerlei Dinge, die mir gar nicht so bewusst sind. Außerdem lese ich heimlich Modeblogs, damit man mir den Informatiker auf der Straße nicht gleich ansieht.

Diese Interessen finden sich, über mehrere Plattformen sowie das richtige Leben verteilt, in meinen sozialen Netzen als Attribute meiner Mitmenschen wieder. Dort gibt es Menschen, deren Output mich interessiert; ihr Tun hängt in irgeneiner Weise mit meinen Interessen zusammen. Hinzu kommen alte Bekannte, die ihre Leben leben, sich weiterentwickeln und neue Themen für sich entdecken, wie auch ich das als alter Bekannter von anderen tue.

Diese Menschen besitzen ihrerseits jeweils einen Satz von Interessen, dessen Übereinstimmung mit meinen Interessen partiell bleibt. Das hat zur Folge, dass immer wieder Inhalte den Weg zu mir finden, die mit meinen unmittelbaren und mir bewussten Interessen wenig zu tun haben. Aufgrund der Besetzung meiner Circles, wie das bei Google+ heißt, bekomme ich in der Summe ein Signal aus Nachrichten zu Themen, die mich explizit interessieren, überlagert von Störungen, die vielleicht produktiv, vielleicht auch mal lästig sind. Indem ich meine Circles pflege, bestimme ich grob die Anteile verschiedener Themen am Signal. Das Störsignal dagegen kann ich nur dem Umfang nach steuern, den Inhalt kontrolliere ich nicht. Je perfekter ich Störungen zu vermeiden versuche, desto mehr Arbeit habe ich damit. Also nehme ich sie hin, solange mir das Nutzsignal gefällt. Das ist das Gegenteil von Eli Parisers Suchmaschinenszenario, wo ich einer nicht steuerbaren Suchmaschine ausgeliefert bin. Ich habe, mit den genannten Einschränkungen, die Kontrolle darüber, welche Schwerpunkte ich in meinem Eingabestrom setze. Ich liefere mich einer Gruppe von Menschen aus, die ich selbst auswähle. Diese Menschen zeigen und erzählen mir, was ihnen wichtig ist.

In sozialen Netzen lebe ich deshalb nicht in einer Filterblase, sondern in einem Verstärkerschaum. Aus dem globalen Palaver von derzeit ungefähr zwei Milliarden Internetbewohnern verstärken mir soziale Netze ein Nutzsignal, mit dem ich etwas anfangen kann, das aber keineswegs rauschfrei ist. Zu jedem Menschen gehört eine Sammlung unterschiedlich großer Awareness-Blasen zu verschiedenen Themen. Nicht feste Wände begrenzen diese Blasen, sondern durchlässige Membranen. Alle Blasen ändern fortwährend ihre Göße und Position.

Das ist kein Hexenwerk, sondern so funktioniert das richtige Leben, wo wir ebenfalls Ideen weitertragen und unsere Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreise nicht filtern, sondern bestimmte Arten von Informationen verstärken. Das Netz bildet solche Beziehungen und Vorgänge nach und erweitert dabei meinen Horizont. Es befreit mich von räumlichen Beschränkungen und es erlaubt mir den effizienten Umgang mit einer größeren Zahl von Menschen und ihren Äußerungen.

Wollte ich aus sozialen Netzen eine echte, dichte Filterblase machen, müsste ich das explizit tun. Ich müsste die Träger unwillkommener Ansichten und die Überbringer unangenehmer Nachrichten öffentlich als Trolle klassifizieren und mich der Zustimmung meines sozialen Umfelds vergewissern, indem ich diese Aussätzigen mit großer Geste aus meinem Blickfeld und dem meiner Umgebung verbanne. Einige Blogger sind sehr eifrig darin, dies in ihren Kommentaren zu tun – aber auch das ist Selbstbestimmung und ihre Probleme sind nicht meine Probleme.

Die Gegenthese dazu ist nicht die Filterfreiheit, denn ganz ohne Filter geht es nicht. Wo 2 Milliarden Menschen durcheinander kommunizieren, höre ich ohne jeden Filter nur noch ambiente Geräusche. Es geht deshalb nicht darum, ob wir filtern, sondern wie. Keine Nachricht hat per se einen Anspruch darauf, meine Filter zu durchdringen. Wichtige Nachrichten aber haben bessere Chancen, von meinem Filter verstärkt zu werden, weil Nachrichten gerade dadurch wichtig werden, dass viele sie wichtig finden. Ich mache mir wenig Sorgen, dass ich Entscheidendes verpassen könnte. Jeder Shitstorm, jedes Mem gibt mir Recht.

Rezeptdatenhandel

Wer Gesundheitsdaten missbraucht, will bestimmt Patientenprofile anlegen und damit irgend etwas böses tun. Das scheint plausibel, wenngleich irgend etwas böses selten klar definiert wird, und spielt im Bedrohungsmodell der mühsam im Inkubator am Leben gehaltenen Gesundheitskarte eine zentrale Rolle. Nur halten sich Angreifer nicht an Angreifermodelle:

»Mit den Rezeptdateien, die nicht anonymisiert worden waren, konnten die Unternehmen eventuell nachvollziehen, welche Medikamente von bestimmten Arztpraxen verschrieben wurden. Derartige Informationen würden es ermöglichen, die Arbeit von Außendienstmitarbeitern zu kontrollieren. So könnte man demnach überprüfen, ob Ärzte nach den Besuchen von Vertretern der Pharmaindustrie häufiger bestimmte Medikamente verschreiben.«

(Heise Online: Bericht: Illegaler Handel mit Rezeptdaten)

Warum das verboten ist, spielt keine so große Rolle. Interessanter finde ich die Frage, ob man solche Angriffe im Entwurf unserer Gesundheits-IT berücksichtigt hat. Mehrseitige Sicherheit ist ja kein völlig neues Konzept.

Cyber-Krieg, nüchtern betrachtet

Die Süddeutsche hat James A. Lewis (vermutlich den hier) zum Thema Cyberwar interviewt. Herausgekommen ist eine Reihe vernünftiger Ansichten wie diese:

»Ein Staat würde für den Einsatz von Cyberwaffen die gleiche Art militärischer Entscheidungen vornehmen wie für jede andere Art von Waffen. Welchen Vorteil bringt es, die Stromversorgung zu kappen? Und was sind die Risiken dabei? Wenn die USA und China im südchinesischen Meer kämpfen, ist das ein begrenzter Konflikt. Wenn China zivile Ziele auf dem Gebiet der USA attackiert, ist das eine ungeheure Eskalation, die das Risiko birgt, dass die USA auf chinesischem Boden zurückschlagen. Streitkräfte werden gründlich darüber nachdenken, bevor sie einen solchen Angriff wagen. Dazu kommt, dass solche Attacken schwierig sind, und wir dazu neigen, den Schaden zu überschätzen, den sie anrichten. Ich kann mir nicht vorstellen, warum jemand sich die Mühe machen sollte, die Wasserversorgung anzugreifen.«

(sueddeutsche.de: “Wir müssen unsere Verteidigung stärken”)

Lewis betrachtet das Thema nicht im Hollywood- oder Scriptkiddie-Modus, sondern konsequent aus einer militärischen Perspektive. Militärs handeln rational, sie verfolgen taktische und strategische Ziele mit verfügbaren Mitteln und gegen die Handlungen eines Gegeners. Daraus ergibt sich auch das Angreifermodell, das der Verteidigung zugrunde liegt, wie oben im Zitat illustriert. Cyber-Krieg, so Lewis’ Paradigma, ist keine neue Form des Krieges, die andere verdrängt, sondern eine neue Waffengattung, die den Krieg nicht grundlegend reformiert.

Homecomputer im Test

Damals wusste man noch nicht so recht, was man mit einem Computer zu Hause anstellen soll, und arbeitete sich an offensichtlichen, aber nicht unbedingt nützlichen Anwendungen ab:

Wer beispielsweise die Bestände seines gut sortierten Weinkellers elektronisch speichern möchte, müßte – sobald ihm der Sinn nach einem edlen Tropfen steht – folgende Prozedur hinter sich bringen: Heimcomputer einschalten, Programmkassette in den Recorder einlegen, Programm laden, Kassette wechseln und »Weinkellerdaten« in den Rechner einlesen, Befehl zur Auswahl eines trockenen ’82er Württembergers eingeben, eintragen in den Daten bestand, dass die Flasche nun bald geleert sein wird. Schreiben der gesamten Daten zurück auf die Kassette. Wegräumen der Kassetten und Ausschalten des Rechners. Während der elektronisch ausgerüstete Weinkenner nun den Weg in den Weinkeller antritt. um die richtige Flasche zu suchen, hebt der technisch rückständige Bacchant gerade das weite Glas und trinkt auf die gute alte Zeit, als man Wein noch mit Kennerblick auswählte.